Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
Seite
267
Einzelbild herunterladen
 

725)

Ethnische und Kulturuntcrschiede im Arbciterstaiide.

267

dichter Bevölkerung seit lange an Fleiß, Handwerk, Hausarbeit gewöhnt, meist mitzäher Körperkrast ausgestattet, beispiellos nüchtern und bedürfnislos sind. Immer sindsie mehr zu Familienarbeit und Hausfleiß als zu geldbezahlter Lohnarbeit in der Unter-nehmung zu gebrauchen, widerstreben zunächst ihrer Regel und Disciplin. Überwindensie diese Abneigung, so werden sie gefährliche Konkurrenten der europäischen Arbeiter,werden dann aber auch ganz andere Löhne fordern und erhalten als jetzt. Einzelnesüdeuropäische Arbeitertypen, sogar der italienische, nähern sich ihnen. Eine alte Kulturhat den italienischen Arbeiter äußerst anstellig und fleißig gemacht, lange Mißwirt-schaft hat seine Lebenshaltung tief herabgcdrückt; das Leben in der Natur und imHaufe hat ihm den Typus eines vollen Menschen ausgedrückt, aber er ist kein Fach-,kein Teil-, kein Maschinenarbeiter, sondern ein virtuoser Bedienter, Maurer , Erdarbeiter.

o) Die mittel-, nord- und westeuropäischen Lohnarbeiter, zumal die auf demLande, hatten gegen 17501800 noch den Charakter mißhandelter, ganz in den her-gebrachten Geleisen der Naturalwirtschaft sich bewegender Höriger. Störrisch, indolent,in vielen Gegenden bettelhaft, dem Neuen in Technik und Wirtschaft abgeneigt, durchlangen Klassendruck bitter und mißtrauisch oder devot und ohne Selbstbewußtseinarbeiteten sie vielfach wenig und schlecht.Wenn der Bauer nicht muß, rührt erweder Hand noch Fuß-" Ohne Schulbildung, mit geringen Bedürfnissen, schlecht genährt,oft barfuß, selbst im Winter im leinenen Kittel erschien diese Arbeiterklasse den oberenKlassen als das natürliche Fußgestell ihrer Kultur. Man nahm ziemlich allgemeinan, Armut und Not seien nötig, um sie zur Arbeit zu treiben. Noch bei der amtlichenErhebung über die preußischen Landarbeitcr 1849 konstatierte man, daß da und dortnach einer guten Kartoffelernte die Tagelöhner nur 23 Tage in der Woche zur Arbeitkämen, weil deren Verdienst zum Leben ausreiche.

In den Städten, in manchen Gewerben waren seit langem etwas höhere Be-dürfnisse, größere Geschicklichkeit, bessere Arbeitsgewohnheiten vorhanden, aber trägeIndolenz fehlte auch da nicht. Erst die Befreiung des Bauernstandes, die Durch-führung der allgemeinen Schulpflicht, der Sieg der Geldwirtschaft, die Gewerbe- undNiederlassungsfreiheit, die wachsende Konkurrenz und der freie Arbeitsvertrag wecktennach und nach von 1789, hauptfächlich aber von 18401860 an das Selbstbewußtseinund die Thatkraft, schufen nach und nach einen wesentlich höher stehenden Arbeiter-stand, der aber natürlich nach Rasse, technischer und wirtschastlicher Entwickelung, nachGegenden und politisch-kirchlicher Umgebung, nach socialen Schicksalen und sonstigenEinflüssen doch noch in Europa und den europäischen Kolonialländern in sehr ver-schiedene Gruppen und Schichten zerfällt.

ä) Zu unterst steht auch heute eine proletarisierte, in der That verelendete Schicht;es sind Leute, die nur zeitweise beschäftigt sind, schlecht genährt, mit niedrigster Lebens-haltung, vielfach in die Klasse der Arbeitsscheuen und dauernd Arbeitslosen, ja in dieder Vagabunden, Diebe und Verbrecher übergehen; viele sind freilich auch bei größtemElend rührend fleißig, arbeiten sich zu Tode. Die erste Art sitzt in den Großstädten,die letztere mehr in den Kleinstädten, auf dem Lande, in den Gegenden der Haus-industrie, des ländlichen Zwergbetriebes, der parasitischen, auf die billigsten Arbeits-kräfte fpekulierenden Industrien. Booth berechnet, daß in England von acht Millionenmännlicher Arbeiter mindestens eine Million dieser tiefsten Schicht angehören; Deutsch-land hat Wohl einen geringeren Prozentsatz; Italien, Belgien, Holland vielleicht einenetwas größeren. Sie sehlt auch in den Ländern neuer Kultur mit Bodenüberfluß, inAustralien und den Vereinigten Staaten nicht.

s) Über ihr steht der große Stamm der ungelernten Arbeiter; die ländlichenTagelöhner, auch ein Teil der gewerblichen gehört hierher; aus ihm rekrutieren sichmeistens die Dienstboten. Ein Teil dieser Schicht kämpft noch mit den modernenwirtschaftlichen Einrichtungen, hat die alte Trägheit, die Lässigkeit naturalwirtschaft-lichcr Verhältnisse noch nicht ganz überwunden. Die Lebenshaltung ist mannigfach nocheine recht kümmerliche, wie z, B. in Schlesien, im bayrischen Franken, in Thüringen ; danebenauch wieder eine reichliche, wie im deutschen Nordosten, in Bayern, in Niedersachsen ;