268 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumläufe? u. der Einkommensverteilung. ^72g
das Eindringen viel niedriger stehender Rassenelemente, wie der Iren in England , derSlaven in Ostdeutschland und Österreich, der Italiener in Südfrankreich , hemmt leichtdie Verbesserung der Lebenshaltung. Im ganzen ist aber auch bei den ungelerntenArbeitern das Selbstbewußtfein und der Erwerbstrieb geweckt; Rührigkeit und In-telligenz, Fleiß und Geschicklichkeit ist auch beim Landarbeiter im Steigen.
t) Die gelernten Arbeiter in Land und Stadt, in Gewerbe und Handel stehenzwar entfernt nicht alle über den ungelernten; in den verkümmerten Hausindustrienund Handwerken giebt es Tausende schwächlicher Arbeiter mit niedriger Lebenshaltung;die Bekleidungsgewerbe haben fast überall nicht sehr hoch stehende Arbeiter (in Deutsch-land waren es 1895 529 578); die Textilarbeiter stehen jetzt in England relativ sehrhoch, in anderen Ländern nicht, sie sind teilweise ungelernt (in Deutschland zählte man1895 743 784). Die Bergarbeiter gehören in manchen Ländern nicht zur Arbeiter-aristokratie, wohl aber in England durch ihre neue Organisation, in Deutschland durchihre hergebrachte Verfassung, die freilich durch übermäßiges Eindringen anderer Elementenoch mehr als durch die neuere Berggesetzgcbung der Auflösung nahe ist (in Deutschland 1895 515 286). Die Arbeiter der Baugewerbe gehören zu einem erheblichen Teile(deutsche 1895 829 741), die der Metall- und Maschinenindustrie (deutsche 1895925 876) und ebenso die der polygraphischen, der Kunst- und mancher anderen feinenGewerbe zu der führenden Elite der Arbeiter. In den sämtlichen deutschen Gewerbenzählte man 1895 auf 3,8 Millionen gelernter noch 2,0 Millionen ungelernter Arbeiter;doch ist die ganze Scheidung eine fließende und unsichere. Die Spitze der gelerntenArbeiter machen die Werkmeister und Vorarbeiter aus; sie gehen in die zahlreichentechnischen und kaufmännischen Beamten über. Mit ihnen erhalten wir eine Hierarchieder Arbeitsstellungen vom letzten Lohnarbeiter bis zu den Generaldirektoren der großenGesellschaften, welche kaum geringere Verschiedenheiten ausweist als die Gegensätze, dieüberhaupt in der Gesellschaft vorhanden sind.
3. Zuletzt ein Wort über die Gesamtheit der Personen in der modernen Gesellschaft,welche von Arbeitsstellungen, Lohnen und Gehalten leben.
Wenn wir bedenken, daß 1395 in Deutschland zu den in Landwirtschaft, Gewerbeund Handel gezählten 12,8 Millionen Lohnarbeitern 0,6 Millionen Beamte der Unter-nehmungen, 0,4 Millionen wechselnde Lohnarbeiter, 1,3 Millionen Dienstboten kommen,zusammen 15,1 Millionen, daß außerdem 1,42 Millionen Personen in öffentlichenBeamtenstellungen, in Post und Staatsbahnen und liberalen Berufen thätig sind,welche teils Lohnarbeiter, teils im weiteren Sinne der Arbeiterklasse zuzurechnen sind,vielfach wenigstens ähnliche wirtschaftliche Lebensbedingungen haben, so sehen wir, daßvon den 20,7 Millionen Erwerbsthätigen und 1,3 Millionen Dienstboten, zusammenvon 22 Millionen nicht weniger als 16,5 Millionen, also gerade 2/4, zwar nicht alleLohnarbeiter sind, aber alle in einem Arbeitsverhältnis stehen. Für sie bilden dieAusbildung des Arbeitsvertrages im weiteren Sinne, die Bedingungen der Anstellungund alles dessen, was damit zusammenhängt, den Kern ihrer wirtschaftlichen Lebens-interessen.
Es ist daher kaum zu viel gesagt, wenn wir behaupten, es gebe keine wichtigerewirtschaftliche und sociale Frage, als die des Arbeitsverhältnisses. An ihr hänge dieZukunft unserer Gesellschaftsvcrfassung. Die richtige Ausgestaltung und Fortbildungaller einschlägigen Institutionen sei, wenn nicht die erste, so doch eine der wichtigstenAufgaben der Gegenwart und Zukunft.
205. Die principielle Erörterung des Arbeitsverhältnisses und-Vertrages. Wenden wir uns nach diesen Bemerkungen zu einer principiellenErörterung des heutigen Arbeitsverhältnisses. Es umschließt die wirtschaftlichen undrechtlichen, die psychischen und socialen Beziehungen der Arbeiter zu den Arbeitgebern,es findet seinen rechtlichen Ausdruck wesentlich im Arbcitsvertrag, es hat seinen wesent-lichen Kern im Arbeitslohn, der Bezahlung der Arbeit durch den Arbeitgeber. Zweigeschiedene sociale Klassen stehen sich individuell und gruppenweise, organisiert oder