292 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlauses u. der Einkommensverteilung. ^75»
Stehenden; nein, auch deswegen, weil diese Lohnzahlungsmethoden zurückwirken, wiewir sahen, auf Fleiß und Anstrengung, auf die ganze Lebenshaltung, den Geist, dieMoral der Arbeiter. Zugleich erhalten unter Beibehaltung des Lohnsystems dieArbeiter damit, wie der letzte königliche Ausschuß in England für die Arbeiterfrageschreibt, eine Art beschränkter Teilhaberschaft.
Bernstein meint über die zukünftige Bezahlung der Arbeiter: für jede Dienst,leistung, die nicht sociale Dienstpflicht oder freiwillige Dienstpflicht ist, wird eine festeBezahlung (Lohn oder Gehalt) die Regel sein, vermehrt vielleicht durch Prämien irgendwelcher Art (Anteile an Ertragsübcrschüsfen u. s. w.) und ergänzt durch unentgeltlicheLeistungen der Gesamtheit. Ich möchte hinzufügen: ergänzt durch die Einnahme ausArbeiter-Versicherungsanstalten, Genossenschaften, Sparkassen und sonstigem eigenenkleinen Besitze.
209. Die thatsächliche Lohnhöhe. Haben wir bisher von den Neben-bestimmungen des Arbeitsvertrags gesprochen, so bleiben sie doch, so wichtig sie seinmögen, an Bedeutung weit zurück gegenüber dem Lohn, der Lohnhöhe, der Kaufkraft,welche der Arbeiter durch den Lohn erhält. Wir fuchen zuerst die Thatsachen fest-zustellen, geben dann kurz wieder, wie die ältere Theorie sie erklärt hat, und schließenmit der zufammenfassenden Kausalerklärung, die wir glauben geben zu können.
Die Vorführung der Thatsachen, die hier natürlich kurz und summarisch seinmuß, ist nicht leicht. Die Arten des Lohns sind so mannigfach, die Vergleichung istso schwierig, das Material aus früherer Zeit, aus vielen Ländern ist so unvollkommen,daß jede zusammenfassende Beschreibung die größten Schwierigkeiten bietet. Und dochhat sich neuerdings fast eine besondere Wissenschaft der Lohnstatistik gebildet, um dieMethoden der Beobachtung und Vergleichung zu verbessern. Wohl war längst bekannt,daß der tägliche oder wöchentliche Geldverdienst, der sogenannte Nominallohn, erst insrechte Licht trete durch den Reallohn, d. h. die Angabe dessen, was der Arbeiter mitfeinem Lohn kaufen, für seinen Unterhalt erreichen könne; man ergänzte also die Lohn-angabcn durch Untersuchung des Geldwertes, durch Reduktion des Geldlohnes auf Ge-treidemengen, durch Beifügung der Lebensmittel-, Kleider- und Mietspreife, durch eineBeschreibung der Lebenshaltung. Auch darüber war man längst im klaren, daß einegute Lohnbeschreibung außer dem Gelde die etwa erhaltenen Naturalien, außer demHauptverdienst den Nebenerwerb, neben dem Lohn des Mannes den etwa hinzu-kommenden von Frau und Kindern mitansühren müsse. Aber man fordert jetzt, und mitRecht, mehr. Man will statt schätzungsweiser Durchschnitte der Wochen-, Monats- oderJahresverdienste die wirklich gezahlten Löhne, ihre Berechnungsart, ihren Betrag sürjede Woche auf Grund von Lohnbüchern, Vernehmungen und Zählkarten feststellen. ManWill wissen, was gewöhnlicher, was Überzeitlohn war, wie viel Tage im Jahre gearbeitetwurde, wie viele und welche Art Arbeiter jeder einzelnen Lohnklasse angehören; manverlangt Prüsung der Angaben der Unternehmer durch die Arbeiter und dergleichen mehr.
Das wissenschaftliche Material hat sich so neuerdings teilweise sehr verbessert.Aber die Kosten und Schwierigkeiten solcher Untersuchungen sind doch so groß, daß manneben dem neueren besseren, aber beschränkten auch noch das ältere unvollkommenereMaterial teilweise mit heranziehen muß, wenn man nicht aus alle breitere Vergleichung,auf eine ausgedehnte empirische Grundlage für die Lohntheorie verzichten will.
Ich beginne mit den Bemerkungen über die historische Lohnbewegung in denKulturstaaten, welche mir wissenschaftlich am wichtigsten zu sein scheint. Ich schickevoraus, daß ich zumal sür die ältere Zeit die Löhne mehr in Kilogramm Weizenoder Roggen als in Geld angebe, um sie vergleichbarer zu machen. Ich bemerkeaußerdem, daß alle Löhne des 13.—16., ja viefach auch noch die des 17. und 18. Jahr-hunderts mehr Gelegenheitslöhne für eine kleine Anzahl Menschen sind, daß sie weitweniger als in der Gegenwart die Gesamteinnahme der Betreffenden darstellen, alsoihre Höhe und ihre Schwankungen nicht die Bedeutung haben wie später. Wo ichnichts Besonderes beifüge, sind durchschnittliche Wochenlöhne gewöhnlicher Arbeiter gemeint.Zur Erklärung der in Getreide berechneten Löhne sei noch solgendes vorausgefchickt.