Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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326 Drittes Buch. Tcr gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u, der Einkommensverteilung. ^784

Einrichtungen schufen. Und das Reformationszeitalter hat mit dem Princip einerstaatlichen Rechtsordnung der Armenpflege und der Forderung an die Selbstvcrwaltungs-körper, als Träger derselben zu fungieren, einen großen weltgeschichtlichen Fortschrittherbeigeführt; es hat mit dieser Reform den Prozeß der Übertragung der Hülfe fürVerunglückte und Verarmte von den engsten und kleinsten socialen Organen auf diegrößeren und leistungsfähigen zu einem gewissen Abschluß gebracht. Es wurde damitden öffentlichen Organen eine ganz neue Art der Verantwortung und der socialenPflichterfüllung auferlegt. Es handelt sich dabei um eine der großen, Staats- undVolkswirtschaft von Grund aus umgestaltenden Institutionen, um eine der wichtigstenVerstaatlichungsmaßregeln wirtschaftlicher Einrichtungen. Die Ausführung mochte nochso schwierig sein, sie mochte zeigen, wie schwer Staat und Gemeinde, bezahlte Beamteund gewählte Gemeindcvertreter solche Pflichten gut erfüllen können, sie mochte vonAnfang an daraus hinweisen, daß wir durch noch bessere Einrichtungen (wie siez. B. im Versicherungswesen liegen) über die bisherige Armenpflege hinauskommenmüssen. Aber die Bahn großer socialer, vom Staate herbeigeführter, durch das öffent-liche Recht geordneter Reformen war doch mit der Armenpflege und ihrem Principeeröffnet. Erst nachdem sie begründet, nachdem man jahrhundertelang sich bemüht hatte,sie zu verbessern, sie richtig einzufügen in den Mechanismus der Volkswirtschaft undder öffentlichen Verwaltung, nachdem man hierdurch die letzten psychologischen undwirtschaftlichen Ursachen der Armut erkannt hatte, konnte man die Einrichtungen soverbessern, wie es neuerdings wenigstens da und dort gelang, konnte man hoffen, nochBesseres an ihre Stelle zu setzen.

Und auch in aller ihrer UnVollkommenheit hat die öffentliche Armenpflege dochseit vielen Generationen unendlich viel Gutes geschaffen, hat zahllose Menschen gerettet,in Gemeinde und Staat höhere Triebe eingepflanzt, in das roh egoistische Wirtschafts-gctriebe des Marktes und der Geldwirtschaft sympathische Gefühle und Handlungen ein-gefügt, die schlimmsten Härten und Dissonanzen der neueren Volkswirtschaft abgemildertuud versöhnend ausgeglichen.

Das dürfen wir nicht vergessen, wenn wir unser Armenwesen als ein integrierendesGlied unserer Volkswirtschaft richtig beurteilen wollen.

214. Die Ausführung der Armenpflege. Wollen wir nun die Aus-sührung der neueren Armenpflege etwas näher kennen lernen, so handelt es sich zunächstum die Frage: 1. wer sind die Armen, was ist die Ursache ihrer Armut, und wie sindsie deshalb zu behandeln; 2. woher kommen die Mittel zur Armenunterstützung, und3. wer sind die Träger und Organe der Armenpflege. Daran knüpfen wir 4. dieErörterung der offenen und geschlossenen Armenpflege und 5. der Ordnung des Armen-rechts.

1. Über die Ursachen der Armut gibt a) die sächsische Statistik von 188l>und d) die deutsche von 1885 folgendes Bild. Es wurden Prozente der Armen unter-stützt wegen:

Tod des Berletzuug Alters- Großer Arbeits- Arb/it^

Eruährers uud Krankheit frechen Kinderzahl losigkeit ^ Ursachen

5,11 18,55 10.23 17,70 19.96 18,52 9.49

d) 18,1 30,3 12,4 14,8 7,2 6,0 11,2

Wir sehen, daß zwar erhebliche Abweichungen vorkommen, und sie würden, wenn wireine ähnliche Statistik für verschiedene Länder und Zeiten hätten, noch mehr hervor-treten; aber wir sehen andererseits doch, daß in der Regel die Witwen und Waisen,die alten Leute, die Gebrechlichen und Kranken das Gros der Armenunterstützten aus-machen, zu welchen zeitweise die Arbeitslosen kommen. Aus der bayrischen Statistikvon 1891-95 sehen wir, daß von 183280 Unterstützten 112641 dauernd und 70 639vorübergehend Bedachte sind, und daß von ersteren 59 820 erwachsen, 52 821 jugendlichewaren. In England wurden im Laufe des Jahres 1892 1,57 Mill. Personen unter-stützt, 0,55 unter 16, 0,40 über 65, 0,62 1665 Jahre alt: also Kinder und Alte