ZZg Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u> der Einkommensverteilung. ^788
wortlichkeitsgefühl, das jetzt die Gemeindeorgane haben, fehlte. Die überhaupt so leichtdurch zu reichliche Armenunterstützung eintretende demoralisierende und proletarisierendeWirkung wäre noch stärker, als sie jetzt oft schon ist. Es träte die vollständigeBureaukratisierung der Armenpflege ein: es verschwände die individualisierende Be-handlung, die man jetzt durch richtige Organisation der Armenpflege in der Gemeindedoch vielfach erreicht. Freilich sehen wir auch in der Gemeindearmenpflege keineswegsüberall Organe, die Vollkommenes leisten. Die von dem englischen Friedensrichterernannten Armenaufseher haben bis 1834 ihres Amtes recht schlecht gewaltet. Jetztstehen an der Spitze der vergrößerten Armenverbände in England gewählte kollegialischeBoards, die in wöchentlichen Sitzungen über die Anträge der geldbczahltcn eigentlichausführenden Armenbeamten beschließen. Früher saßen in den Boards hauptsächlichdie Kentlomsn ot no ooeuxation, jetzt bei dem demokratischen Stimmrecht vielfach auchArbeiter; ihr Eintreten in dieselben wird als heilsam gerühmt. Die Armenbeamtenwerden jetzt fast ganz von der Grafschaftskasse bezahlt; sie werden vom Board gewählt,von der Centralarmenbehörde bestätigt, welche auch die Höhe der Gehälter und ihreetwaige Entlassung bestimmt; dadurch ist die schädliche Abhängigkeit von Lokalinteressenbeseitigt. In den Vereinigten Staaten sind die analogen Armenbeamten fast ganz dieBeute der Parteistellenjägerei geworden und daher von recht zweifelhafter Brauchbarkeit.Gegenüber dieser mehr bureaukratischen Ausführung hat man in den größeren deutschenGemeinden mehr und mehr eine ehrenamtliche bevorzugt, wie sie 1852 in Elberfeld durchgeführt wurde. Unter Magistrat und Stadtverordneten, welche die Oberleitunghaben,,, steht eine kollegialische Armendeputation, die unter Zuziehung von Geist-lichen, Ärzten und anderen Gemeindegliedern aus einigen Mitgliedern des Magistrats undder Stadtvcrtretung besteht; unter diesen bewilligen, nach Bezirken oder Distrikten ein-geteilt, die ehrenamtlichen Armenpfleger die Unterstützungen; jedem solchen Armenpflegersind nur einige arme Familien zugeteilt, die er regelmäßig alle 14 Tage besucht undkontrolliert; er soll der Freund und Berater der Armen sein und werden, ähnlich wiedie urchristlichen und die reformierten Diakonen des 16. Jahrhunderts. So ist eineheilsame Decentralisation und Individualisierung der Armenpflege erreicht, wie sieder geldbezahlte Beamte, durch dessen Hände Dutzende und Hunderte von Gesuchengehen, nicht leisten kann; so ist eine menschliche Teilnahme der übrigen Bürger an denArmen herbeigeführt, die kein anderes System erreicht. März 1899 waren in Berlin 3310 Personen ehrenamtlich in der offenen Armenpflege thätig, daneben 1778 Waisen-räte, wovon 433 Frauen waren. Nicht bloß in Deutschland , sondern bereits auch inÖsterreich und der Schweiz hat sich dieses System verbreitet.
Neuerdings hat die Teilnahme von Frauen in der Armenverwaltung viel Gutesgestiftet; und zwar in den Kollegien als Armenpflegerinnen wie als angestellte Gemeinde-schwestern, Krankenpflegerinnen, Hauspflegerinnen u. f. w. Für die Anstalten handeltes sich darum, ein gutgeschultes, aufopferungsfähiges Beamtenperfonal männlichen oderweiblichen Geschlechts zu schaffen; religiöse Stimmung und Verpflichtung ist für diemeisten Menschen in solchen Stellungen ein wesentliches psychologisches Förderungs-mittel. Ohne starke Disciplinarmittel, formale Kontrollen, mechanische Bureau-kratisierung kommt man in allen größeren Anstalten nicht aus. Aber die bloßeDisciplin reicht nicht hin; sie erzeugt den Unteroffizierston, über den man in vielendeutschen Anstalten klagt. Im übrigen ist das Problem ein ähnliches wie in allenStaats- und Gemeindebctriebcn. (Vergl. I § 110.)
4. Wir sind damit wieder bei dem Gegensatz zwischen offener und geschlossenerArmenpflege angelangt, dessen neueste Gestaltung wir noch ins Auge zu faffcn haben.Zwei Urfachengruppen haben die Anstaltspflege, welche von 1500—1700 wegen ihrerhohen Kosten, ihrer Mißbräuche, ihrer meist lästigen und schlechten Verwaltung mehrals billig in Verruf gekommen war, neuerdings wieder in fo viel günstigerem Lichteerscheinen lassen. Einmal konnten alle möglichen technischen Fortschritte in der Kranken-behandlung, dann aber auch in Heizung, Beleuchtung, Nachrungsmittelbcreitung, sowieim Unterricht, in der Reinlichkeit nur in großen Anstalten leicht durchgeführt werden.