Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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Bureaukratische u. ehrenamtliche Armenpflege. Anstaltspflcge.

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Ferner können gewisse sociale und wirtschaftliche Ziele nur oder viel leichter in An-stalten erreicht werden: so die Beschäftigung der Arbeitsfähigen- seit dem 18. Jahr-hundert schwärmte man sür Arbcits- und Armenhäuser und ließ die Insassen spinnen;nur im Armenhaus hat man die Leute ganz unter Krontrolle, kann hindern, daß siedaneben Almosen heischen, kann sie durch schärft Disciplin und harte Behandlung dahinbringen, daß sie möglichst wieder sich aus eigene Füße stellen wollen, kann die unliebsameKonkurrenz des Almosenempfängers mit den Arbeitern des sreien Marktes hindern. Dasenglische Allowancesystem hatte seit 1782 den Arbeitern, die, mit vielen Kindern gesegnet,nicht mit ihrem Lohn ausreichten, Lohnzuschüsse bezahlt, und so die ganze englische Arbeiterklasse herabgedrückt. Im Gegensatz hierzu verlangte man möglichste Verweisungin Armenhäuser. Der Bau von solchen, in die man die Armen verwies, hatte inEngland 16931750 die Armcnlast da und dort ermäßigt, teilweise bis aus die Hälfte.Die Armenresorm von 1834 wollte nun das Arbeitshaussystem ganz, möglichst konsequent,durchführen. Später hat man auch in Sachsen, Meiningen, Ostfriesland in ähnlicherWeise durch möglichst weitgehende Jnternierung der Armen abschreckend zu wirkengesucht, und dies Ziel bis aus einen gewissen Grad erreicht, die Armenzahl vermindert.

Aber unendlich weit blieb man überall davon entsernt, alle Armen in Anstaltenunterbringen zu können. Es waren 1880 in Sachsen doch nur 40"/o; in Deutschlands Gemeindearmenpflege 1885 20°/o, in England 18811885 23-24»/°, 189118952122°/o. Selbst die arbeitsfähigen Armen, sür die man vor allem das englische>Vorkuouss geplant, wurden 187175 nur zu 189195 nur zu ^/s da unter-gebracht, obwohl von 1876 an ein neuer Anlauf in dieser Richtung gemacht wurde.Alle Anstaltspflege ist unendlich viel teurer. Nach Berechnungen aus der BerlinerArmenstatistik der letzten zehn Jahre (18881898) kommt in der offenen Armenpflegeein regelmäßig Unterstützter jährlich aus 143160 M., ein Kind auf etwa 75 M,ein Krankheitsfall auf 47 M., ein in Familienpflege untergebrachtes Waisenkind aus108216 M.; in der geschlossenen Armenpflege dagegen kommt der vorübergehend Erkrankteauf 55-60 M, der Alte jährlich auf 300400 M., der Sieche auf 180-60,' M, der Irreauf 730 M. (in der Familienkost 438 M), das Waisenkind auf 200-400 M. Natürlichsind die in Anstalten befindlichen Annen zugleich die schwereren Kranken, die schwierigerzu behandelnden Waisen :c. Aber so viel machen die Zahlen doch wahrscheinlich, daßdie Unterbringung aller heutigen Hausarmen in Anstalten wohl das Doppelte kosten würde,was ihre offene Unterstützung ersordert. Wenn Berlin 1898 je 8 Millionen Mark sürdie offene und für die geschlossene Pflege ausgab, so ist die große Frage, ob die Ver-pflegung aller offen Unterstützten in Anstalten durch Abschreckung wieder so viel ersparte,wie die Mehrkosten der kasernierten Unterbringung von 3040 000 Almosenempsängern,5060 000 Hauskranken, 45000 in Familien untergebrachten Waisen betragenwürden.

Außerdem aber ist die Anstaltsvftege häufig mit großen sittlichen Schäden verbunden,auch wenn Beamte, Hausordnung und Disciplin noch so gut sind. Das Laster ist ansteckend.Daß die Mehrzahl der Waisenkinder besser und viel billiger in guten Familien aufdem Lande erzogen werden als in großen Waisenhäusern, giebt man jetzt auch inden Ländern zu, welche bisher, wie England und die Vereinigten Staaten , letzterebevorzugt haben; die Praxis hat durchaus sür die Familie entschieden, außer wenn essich um kranke oder ganz verworfene Kinder handelt. Am ungünstigsten hat dieArmenkascrnierung da gewirkt, wo man, wie zuerst im englischen Workhouse alleArten von Armen durcheinander aufnahm und gemeinsam verpflegte. Auch in England hat man mehr und mehr die Kranken, die Kinder, die Gebrechlichen, die Alten, dieArbeitsfähigen in den Anstalten von einander getrennt. Das war ein Fortschritt, machtedie Sache aber wieder viel teurer. Auch die Arbeitsbeschaffung für die Arbeitsfähigenmacht, seit die Spinnmaschine das Spinnen im Arbeitshaus als jederzeit lohnendeBeschäftigung wegnahm, Schwierigkeiten, wenn auch nicht so große wie sür die nichtkasernierten Arbeiter. Wöchnerinnenasyle für alle gebärenden armen Frauen sindgrundsalsch: viel besser ist, ihnen Hauspflegerinnen sür ihre Familienwirtschast zu