Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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ZZ4 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumläufe- u, der Einkommensverteilung. ^792

dieser Organe hat nur günstig gewirkt. Der Staat kann wie in Belgien gewisseArmenanstalten direkt in die Hand nehmen, so die Anstalten für Arbeitsscheue, fürAlte und Gebrechliche, für die Zwangserziehung verwahrloster Jugend (letztere in Däne-mark ). Er wird überall, wo die Gemeindemittel und die der anderen größeren Selbst-verwaltungskörper nicht ausreichen, mit Zuschüssen eingreifen müssen.

Diese letzteren übernahm am besten die Pflege der Geisteskranken, wie in Frankreich das Departement, in Preußen teilweise die Landarmenverbände; oft so, daß die Ge-meinden für ihre Untergebrachten gewisse Zuschüsse geben; in Frankreich tritt dasDepartement auch sür die verlassenen Kinder ein. Auch für Blinde, Taubstumme,Idioten, Sieche sorgen teilweise besser größere Bezirke. Die ganze Tendenz, größerenVerbänden und dem Staate eine intensivere Rolle im Armenwesen zuzuweisen, ist inEngland, Frankreich, Belgien, Dänemark, der Schweiz, selbst in den Vereinigten Staaten bereits weiter entwickelt als in Deutschland .

Die Vereins- und kirchliche Armenpflege muß, wo die öffentliche Armenpflegenormal entwickelt ist, sich darauf beschränken, die Lücken dieser auszufüllen; wenn dieöffentliche Pflege die äußerste Not nach festen Regeln unterstützt und beseitigt, so muß dieprivate nach Prüfung der Personen, mit noch größerer Individualisierung, nach Lage derVerhältnisse und stets in Kenntnis der öffentlichen Unterstützungen das thun, was nunnoch fehlt, um den Armen zu helfen und sie wieder emporzurichten. Sie muß dennoch nicht ganz Verarmten, welche keine öffentliche Unterstützung erhalten können, bei-springen, die verschämten Armen über Wasser halten. Wo die verschiedenen Organenicht zusammenwirken, entsteht Unheil, wird die Bettelei groß gezogen. Aus denNiederlanden wird geklagt, daß in jeder Stadt 46 verschiedene Organe, Stiftungen,Vereine u. s. w. bestehen, die ganz unabhängig von einander vorgehen. Je größer dieMittel der Privaten, Vereine, Stiftungen sind, desto schlimmer wirkt solche Zersplitterung.In England und Deutschland hat man neuerdings vielfach geholfen, 1. indem mandieselben Personen an die Spitze der öffentlichen und der übrigen Armenpflege brachte,

2. indem man alle Organe zu einer Centralarmenbehörde örtlich vereinigte oder

3. wenigstens durch Meinungsaustausch, gemeinsame Auskunftsstellen für gegenseitigeKenntnisnahme des Geschehenden sorgte.

Mit all' dem ist man auch heute noch weit entfernt von'einer guten, vollendeten,in ganzen Staaten gleichmäßigen Armenpflege, so große Fortschritte auch gemachtwurden. In Italien herrschen noch mittelalterliche Zustände; in Frankreich ist mandie Bettlerplage nie los geworden; die englische Armenpflege ist in manchem muster-haft, aber sie ist bureaukratisch, wirkt nicht erziehlich. Eine salsche Verwendung über-reicher Stiftungsmittel findet noch vielfach statt. Das ganze Problem bleibt einunsagbar schwieriges, was in der Natur der Armenunterstützung und ihrer gesellschaftlich-staatlichen Organisation liegt. Die Armenunterstützung soll nur in der äußersten Notgegeben werden; sonst vernichtet sie die Selbstverantwortlichkeit, das Ehrgefühl, dieEnergie. Sie soll stets so gegeben werden, es sollen ihr solche Nachteile (Verlust desWahl- und anderer Ehrenrechte, Entbehrungen, wie sie das Armenhaus auferlegt)anhaften, daß der Tüchtige strebt, sie wieder los zu werden, daß der freie gesundeArbeiter nie aus den Gedanken kommt, er könnte auch Armenhülfe nachsuchen, könnteseine Kinder einer Armenanstalt übergeben. Es soll gegenüber den Hunderten undTausenden, welche um Unterstützung bitten, gerecht, gleichmäßig streng, sparsam Ver-fahren werden. Es handelt sich also um eine große Summe schwieriger, diskretionärerEntscheidungen von Hunderten von Beamten, Behörden, Organen, welche in möglichsterÜbereinstimmung erfolgen sollen. Geben die Organe der Armenpflege zu leicht, sowächst die Last ins ungemessene und unerträgliche, und man zerstört zugleich diemoralischen Eigenschaften der Unterstützten, zieht ein Proletariat von Bettlern heran.Ist man zu strenge, haftet zu drückende Disciplin, Ehrverlust u. s. w. an der erhaltenenUnterstützung, so erhalten nur die schamlosen Querulanten, nicht die besseren Armen,was sie brauchen. Zwischen diesen zwei Klippen wird nur eine besonders tüchtige