Beurteilung der heutigen Armenpflege. Versicherungswesen.
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Armenverwaltung mit ausgezeichnetem Personal, mit guten Instruktionen, mit guter,einheitlicher Kontrolle von oben leidlich hindurchkommen.
^ Das letzte Ziel muß sein, durch Sparkassen-, Genossenschafts-, Hülsskassen-, Ver-sicherungswesen die gesamten weniger bemittelten Schichten der Gesellschaft so weit zubringen, daß sie der Armenunterstützung nicht mehr bedürfen. Wir stehen mitten imKampfe um die Erreichung dieses großen Zieles. Vieles ist schon geschehen, z. B. geradedurch das Versicherungswesen, wie wir gleich sehen werden. Wenn trotzdem zunächstseit 3V Jahren die Armenlast stark gewachsen ist, so liegt die Ursache darin, daß einer-seits die neuen socialen Hülfen noch nicht ausreichen (für Waisen und Witwen istnicht gesorgt, für die Kranken meist nur mit begrenzter Wochenzahl der Pflege, sür dieAlten und Invaliden so, daß sie von ihren Renten noch nicht leben können), und daßandererseits die Ansprüche der Armen und das humanitäre Verantwortlichkeitsgefühlder Gesellschaft bedeutend gewachsen sind, daß man Kranke, Irre, verwahrloste Kinderheute unendlich besser behandelt als vor 50 und 100 Jahren.
Jedenfalls aber sehen wir, daß kein civilisierter Staat heute ohne komplizierte Armen-einrichtungen auskommt, daß der Gemeinde große wirtschaftliche Aufgaben hier erwachfensind, daß die manchesterliche Vorstellung von einer sreien Volkswirtschaft, die nur aufLeistung und Gegenleistung beruhte, schon durch unser Armenwesen widerlegt wird.
215. Das Versicherungswesen im allgemeinen. Seine Entstehung.Das kirchliche und öffentliche Armenwesen ist viele Jahrhunderte alt. Das Versiche-rungswesen reicht in seinen ersten Anfängen auch bis ins spätere Mittclalter zurück,gehört im ganzen aber erst dem 18. und 19. Jahrhundert, in seiner höheren Aus-bildung erst den letzten 50 Jahren an. Es knüpft in seiner einen Wurzel wie dasArmenwesen an die Unterstützungseinrichtungcn der Geschlechtsgenossenschaften undGilden an, ist dann aber wesentlich andere Wege wie die Armenpflege gegangen. Dieseverweist den in Not Befindlichen auf die Hülfe der Gemeinde, der Kirche, der Wohl-habenden, welche dem Armen wie ein höheres Schicksal entgegentreten. Die neuereGeldwirtschast und der Individualismus verweist den Armen aus die Sparkasse, indie er in guten Tagen einlegen soll. Die Versicherung wählt einen Mittelweg. Sieverlangt von ganzen Gruppen, daß sie sparen und das Gesparte zusammenlegen, damitdie in Not Befindlichen aus den gemeinsam gesammelten Mitteln unterstützt werdenkönnen. Auf dem Boden der Geld- und Kreditwirtschaft und des modernen Privat-rechts erwachsen, haben sich eine Reihe von Geschäften, Kassen, Genossenschaften, Kor-porationen gebildet, deren gemeinsames Merkmal es ist, von socialenGruppen rechtlich fixierte Beiträge zu erheben und zu sammeln undden von gewissen Schäden oder Nachteilen Betrosfenen dafür recht-lich fixierte Entschädigungen zuzahlen. Alle derartigen Einrichtungen rechnenwir zum neueren Versicherungswesen; es kann sich je nach seiner Ausbildungim einzelnen dem Armen- wie dem Sparkassenwesen nähern, ist aber ein ganz selbständigerund wichtiger Zweig unserer Volkswirtschaft geworden. Ob Private das Versicherungs-geschäft treiben oder Genossenschaften und Korporationen oder der Staat, der Kern des Ver-hältnisses ist stets derselbe: Gruppen von Individuen sind durch Zahlungen, die sie selbstoder andere sür sie in eine gemeinsame Kasse machen, zusammengefaßt, fo daß jederselbständige Rechte sür bestimmte Schadens- oder Unglücksfälle hat, als Glied der Gruppein diesen Fällen unterstützt wird; stets erhalten dabei einzelne vom Schicksal Getroffenemehr als sie zahlten, andere vom Schicksal Bevorzugte zahlen mehr, als sie erhalten. Eshandelt sich wie beim Armenwesen um sociale Gemeinschaftseinrichtungen, aber mitbesserer Verknüpfung der Jndividual- und Gesamtinteresfen, mit gerechter individuellerAbwägung der Beiträge und der Schadensansprüchc; die kommunistische Gemeinschaft dortist hier eine rechtlich geordnete, dem modernen Wirtschaftsleben, seinem Erwerbstrieb undPrivatrecht, der Idee von Leistung und Gegenleistung angepaßte. Ganz durchwachsenvon Sympathiegefühlen und socialer Pflichterfüllung, ist das Versicherungswesen dochdurch geschäftsmäßige und kaufmännische Formen groß geworden und muß aus diesemBoden bleiben. Die Gefahren der Seeschiffahrt, der Fcuersbrünste, die Hülfe für