805)
Der Principienstrcit über die Organisation der Versicherung.
347
auf örtliche Personen- und Sachkenntnis, zu arbeiten; sie ruhen aus den sympathischenGefühlen der Nachbarn, Freunde, Berufsgenosfen, wie die alten Gilden. Das Kranken-versicherungswesen hat bis jetzt nicht anders gedeihen wollen, ist den kaufmännischorganisierten Aktiengesellschaften bis jetzt stets mißlungen.
Wir fehen, daß die vermiedenen Organisations- und Betriebsformen der Ver-sicherung je für deu einen oder anderen Zweig angemessener sind- die Transport-versicherung taugt nur für den kaufmännischen Betrieb, die Gebäude-, die Viehfeuchen-versicherung am ehesten für Staats- und Provinzialanstalten, während die Lebens-versicherung in solchen Händen nicht recht gedeiht. Im übrigen treten alle die erwähntenGegensätze des Betriebes und ihre Folgen je nach Rasse, moralisch-gefchäftlichen Sittenund vielen anderen Umständen doch noch wesentlich verfchieden auf. Es giebt die an-ständigsten und die unanständigsten Aktien-, die thätigsten und lotterigsten Korporations-betriebc. Je nach der Staatskontrolle und Versicherungsgefetzgebung hält sich dieselbeBetriebsform in diesem Lande in ganz anderen Bahnen als in jenem. Und die neuesteVerbands- und Kartellierungsbewegung hat auch in den Ländern des freiesten Ver-sicherungswesens eine Vereinheitlichung der Bedingungen, eine Einschränkung der Kon-kurrenzmißbräuche erzeugt; sie läuft in ihrem letzten Ende auf etwas Ähnliches hinauswie die Staatskontrolle oder gar die centralisierte monopolistische Staatsanstalt.
Die historische Entwickelung der Betriebsformen war im 18. uud 19. Jahr-hundert klar und einfach: die alten kleinen Vereine verfügten; das kaufmännische undAktiengeschäft drang zuerst im Transport-, dann im Feuer- und Lebensversicherungs-geschäft immer weiter vor, zuerst mehr Fortschritte erzeugend, dann durch die starkeKonkurrenz und ihre Mißbräuche da diskreditiert, wo fchamlofer Erwerbstrieb sich dieserBctriebsformen ganz bemächtigt hatte, und keine Staatskontrolle sie in die Schrankenreellen Geschäftes wies. Die genossenschaftlichen Gegenseitigkeitsgesellschaften mindertendiese Gefahren, so lange und so weit gemeinnütziger Sinn und anständige Reellität siebeherrschten. Aber feit 1852—1862 greift man in England und Frankreich zu staat-lichen Altersrenteneinrichtungen für die unteren Klassen, selbst in den VereinigtenStaaten tauchen ähnliche Projekte auf. Uud von 1870—1900 wirkte die Empfindungfür die Mißbräuche und Schattenseiten der freien Konkurrenz auf dem Markte desVersicherungswesens immer stärker. Verstaatlichung und Verländerung wird da unddort die Parole; die Aktiengesellschaften klagen über volkswirtschaftliche Reaktion undStaatssocialismus; die korporativen und staatlichen Anstalten nehmen zu, freilich ohneentfernt das private Geschäft zu verdrängen, das gewitzigt ist und, von staatlichen Kontroll-ämtern beaufsichtigt, sich successiv reinigt. Die vollständige Beseitigung aller kauf-männisch freien Versicherung wäre weit über's Ziel geschossen. Aber das Vordringender entgegengesetzten Form der Organisation war berechtigt.. Ihren Hauptsieg erlangtesie auf den Gebieten der Arbeiterversicherung, zu der wir uns nun wenden.
219. Die Arbeiterversicherung; ihr Wesen, ihre wirtschaftlichenVorausfetzungen. Unter dem Namen der Arbeiterversicherung saßt man heute eineAnzahl von Versicherungscinrichtungen zusammen, die wesentlich den heutigen Lohn-arbeitern oder sonstigen kleinen, wesentlich von ihrer Arbeit lebenden Leuten dienen,ihnen sür die Fälle, da die Arbeitskraft verfagt, geschmälert ist, aufhört, ein Einkommengeben, die wirtschaftliche Existenz ermöglichen oder erleichtern sollen. Es handelt sichum die Versicherung im Falle des Todes, der Krankheit, des Alters, der Invalidität,der Schädigung durch Unfälle, der Witwen- und Waisenschast, der Schwangeischaft;endlich gehört im weiteren Sinne auch die Arbeitslosigkeit, die Arbeitseinstellung, dieWanderschaft zu den Fällen, in welchen eine Unterstützung des Arbeiters angezeigt er-scheint. Wir beschränken uns zunächst auf die zuerst genannten Fälle, kommen auf dieArbeitslosigkeit und die Arbeitseinstellung nachher besonders.
Eine gewisse Hülse und Unterstützung für sie bestand längst durch die Jnnungs-und Gesellenkassen, die Bruderschaften, Knappschaftskassen und ähnliche Genossenschaftenälterer Zeit. Aber sie reichten, je mehr die Geldwirtfchast siegte, das wirtschaftliche Lebenkomplizierter und wechselvollcr wurde, der Arbeiterstand sich vermehrte, teilweise in