376 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. sH34
eine weltgeschichtliche Wendung im Sinne der Korrektur der sogenannten kapitalistischen Volkswirtschaft sei.
Gewiß bleibt trotzdem an dieser deutschen Arbeitcrversicherung viel zu tadeln. Siehat naturgemäß die komplementären Fehler ihrer Vorzüge. Sie trägt den Stempelihrer Zeit oder vielmehr der in ihr maßgebenden Männer an der Stirne. Die Riesen-kraft, welche sie gegen Wind- und Tagesströmung durchdrückte, war keine sachverständige,die ausführenden Persönlichkeiten wechselten, waren in sich nicht eins, hatten mehrSinn für einen gut funktionierenden Verwaltungsmechanismus als für die in den unterenKlaffen vorhandenen wirtschaftlichen und psychologischen Voraussetzungen und Möglich-keiten des Hülfskasfenwesens; sie kannten auch die Einrichtungen des Auslandes, ihreUrsachen und Folgen kaum genügend. Die drei grundlegenden Reformen wurden inneun Jahren mit dem Hochdruck aller parlamentarischen Mittel durchgesetzt; ich habeeinem der von mir hochgeschätzten Versasser der Entwürfe einst in privater Unter-redung eingewandt, das sei Überstürzung; ich glaubte damals, man solle die Sachemehr ausreifen lassen, vor neuen Schritten mehr Erfahrung sammeln. Es wurdemir die schlagende Antwort: wenn das Ganze nicht unter Bismarck fertig werde,so könnten Generationen vergehen, bis man wieder einen Schritt vorwärts komme.Parlamentarische Verfassungen mit ihrer starken Züchtung von Partei- und Klasfcn-intercssen sind meist zu großer Socialreform unfähig. Man sieht es in den anderenStaaten, die, von Deutschlands Vorbild zur Nachfolge gezwungen, doch 20—3V Jahrezum Zustandekommen dieses oder jenes einzelnen A.V.-Gesetzes brauchen, oft nach denbesten Vorarbeiten nichts zur Verabschiedung bringen. Nur eine ungewöhnlich starkeund die Unternehmer geschickt gewinnende Regierung konnte gegen die Socialdemokratieund gegen einen erheblichen Teil der Liberalen und der Konservativen diese Gesetze inso kurzer Zeit durchsetzen, welche die Unternehmer in erster Linie belastet, den Arbeiternin erster Linie nützt. Bis 1901 sind bereits (nach Zacher) 3 Milliarden Mark Ent-schädigungen gezahlt worden; die Arbeiter haben dabei die kleinere Hälfte beigesteuert,schon jetzt eine Milliarde mehr erhalten als an Beiträgen gezahlt. Täglich geht jetzt1 Mill. Mk. an die Versicherten; im Bcharrungszustand werden es fast zwei sein; über1 Milliarde Vermögen ist für die Zwecke jetzt fchon angesammelt, davon sind über 200 Mill.wieder für den Bau von Arbeitcrwohnungen und Heilstätten verwendet. Die bekehrtenSocialdemokraten stimmten 1899 alle für die Jnvalidennovellc, deren Grundgcfetz sie1889 in Übereinstimmung mit vielen Konservativen bekämpft hatten.
Die Schattenseiten der deutschen Reform lassen sich kurz so zusammenfassen:die drei Organisationen stehen ohne rechte Verbindung und Harmonie neben einander, sinddadurch teurer als nötig, arbeiten teilweise gegen einander und suchen sich Kosten zu-zuschieben. Ein Teil der ehrenamtlichen Organisation hat die auf sie gesetzten Hoff-nungen nicht oder nicht ganz erfüllt. Die Art, wie der Zwang zur Versicherung durchdie Arbeitgeber durchgeführt ist, wie dabei der einzelne Arbeiter nie aktiv zu handelnbraucht, hat die Erziehung der unteren Klassen für Versicherung, für selbstthätige Teil-nahme an der Organisation verlangsamt; die innere Umbildung des einzelnen Arbeitersist eine viel geringere als da, wo er durch seinen Entschluß einer Versicherungskassebeitritt. Auch die Verfassung, die Organisation, das Wahlverfahren könnte in dieserBeziehung teilweise besser, wirksamer sein; kleinere Untergcnosfenschaften müßten diesinnere Leben Pflegen. Immer ist nicht zu vergessen, daß ohne den gesetzlichen Zwangauch die großen Resultate nicht vorhanden wären, daß auch der Zwang seine erziehendeSeite hat oder haben kann. Er bildet den Teilnehmer nicht so rasch psychologisch undwirtschaftlich um, aber er faßt fehr viel mehr Personen uud wirkt auf die Dauer dochauf sie, wenn die Organisation nur richtig gestaltet ist. Die Ausschließung der kleinenLeute, für die nicht ein Unternehmer Lohnabzüge machen kann, war eine große Schatten-seite, aber für den Anfang erleichterte sie das Kassenwescn fehr; sie ist teilweise schonkorrigiert, wird es künftig noch mehr werden. Ebenfo wird künftig die Verschmelzungund Jneinanderpassung der drei Organisationen besser gelingen als bisher. Man istbis jetzt zu schüchtern und zaghaft vorgegangen, was in einer Zeit, in der man die