Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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I86 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Gilterumlaufes u. der Einkommensverteilung. ^844

arbeit, vielerlei Gewerbethätigkeit für Weihnachten haben die Unternehmer und Händler,um rasch das Neueste zu bringen, auf bestimmte Monate zusammengedrängt. Die Vor-stellung der Unternehmer von einer Pflicht dauernder Beschäftigung ihrer Leute ist umso mehr im Verblassen, je mehr die Gewinnsucht und die Konkurrenz gestiegen ist,je mehr falsche theoretische Harmonievorstellungen das wirtschaftliche Getriebe rück-haltlos dem Egoismus der einzelnen gänzlich zu überlassen für berechtigt erklärten.Burns sagt:Das bestehende System der Produktion um des Profites willen hat alleBeschäftigung in die Hände einer Klasse gelegt, welche die Arbeitsstellen ohne Rücksichtauf die socialen Konsequenzen für die Gemeinschaft und die Arbeiter öffnet und schließt."

Um zu zeigen, welche Rolle die Saisonwechsel für die Arbeitslosigkeit spielen,führe ich an, daß in Deutschland die gesamten gesunden Arbeitslosen 1. Juni 1895179 004, 2. Dezember 1895 553 640 ausmachten, daß aber von ihnen auf die wenigendurch die Saison hauptsächlich beeinflußten Gewerbe an diesen beiden verschiedenenTerminen fielen:

im Juni im Dezemberauf die Landwirtschaft , 17 160 1S3 139 Ziegelei ... 708 13073 Bmlgeschäfte. . 6 107 21043., Maurer . . . 6 023 79 918 Kellner ... 5048 __ 11818

Zus. 3S036 278991

Es sind im Winter also etwa die Hälfte der gesunden Arbeitslosen, die nicht durchKrisen, nicht durch Veränderung der Technik und der Betriebsform brotlos werden,sondern durch die unvollkommene Organisation der Geschäfte in Bezug auf die Arbeits-verteilung auf die verschiedenen Teile des Jahres. Auch was wir aus der deutschen undösterreichischen Krankcnkassenstatistik darüber erfahren, wie die Zahl der versicherten Arbeiterzwischen dem Höhepunkt im Herbst und dem Tiefpunkt von Januar bis März schwankt,weist darauf hin, daß diese Wechsel wesentlich mit der Saisonarbeit zusammenhängen.Und man wird nicht zu viel behaupten, wenn man sagt, ein großer Teil dieser ver-schiedenen Beschäftigung sei Folge gewisser Sitten und Unsitten, gewisser Traditionen undAbsatzgepflogenheiten, könne auch da, wo die Natur zum starken Wechsel nötigt, durchgeschicktere sociale Einrichtungen beseitigt werden. Wir kommen daraus nachher zurück.Wir srageu jetzt, was kann gegen das ganze Übel der Arbeitslosigkeitgeschehen?

t) Zunächst kann und muß in den Kulturstaaten die bestehende Armenverwal-tung mit ihrer Hülfe eintreten, und sie thut es auch; in den Zeiten zunehmender Arbeits-losigkeit wachsen ihre Ausgaben sehr bedeutend. Aber sie darf zunächst nur die unter-stützen, welche einen Rechtsanspruch darauf haben, also in Deutschland die, welche durchzweijährigen Aufenthalt den Unterstützungswohnsitz erworben haben. Ihre Hauptaufgabeist, die Kranken, Alten, Witwen und Waisen vor Hunger und Not zu schützen. Gegen-über den erwachsenen Arbeitsfähigen, die keine Arbeit finden, hat sie stets einen schwerenStand gehabt, wenn sie ihnen nur Unterstützung gegen Arbeitsleistung geben wollte;doch war es srüher durch Beschaffung von Heimarbeit noch leichter. Es ist jetzt amehesten noch im Armenhaus möglich, das für entsprechende Beschäftigung der hier Unter-gebrachten ja Einrichtungen haben muß. Aber fchon in guter Zeit kann die Verwal-tung nur einen mäßigen Teil der Arbeitsfähigen dort aufnehmen (vgl. oben II S. 330 ff.).Weun die Arbeitslosen in der Krisis stark anwachsen, wird es vollends unmöglich. Dableiben nurNotstandsarbeiten übrig, welche dann besservon besonderen Gemeindeorganenübernommen werden, schon um die Etats der Armenverwaltung nicht ganz über denHaufen zu werfen. Auch wollen die Arbeiter, die etwas auf sich halten, Notstands-arbeit nicht von der Armenverwaltung erhalten, um ihr Wahlrecht nicht zu verlieren,um nicht als Armenunterstützte für entehrt zu gelten.

Die in Deutschland und anderwärts seit 1884 geschaffenen Naturalv erpflegungs-stationen (1890 waren es 1957, 1898 nur noch 1150) suchen wandernden Arbeitern