Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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410 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. ^868

land und Durham sind 18631870 entstanden; die lokalen Vereine der englischenSpinncreibcsitzer von Lancashire sind erst 1887 zu einem Gesamtverein zusammengetreten.Die englische Maschinenindustrie hatte bis 1896 nur lokale Verbände. In Frank-reich haben sich Syndikate in den mittleren Industrien mehr als in der Großindustriegebildet. In Deutschland haben die wiederbelebten Innungen vielfach sich wesentlich alsOrgane für die Arbeiterpolitik gefühlt; andere lokale Unternehmerverbände sind alsWiderstandsvereine gegen die Arbeiterforderungen erst in den letzten 15 Jahren zahl-reicher entstanden; zu großen, aber auch nur lokalen Gesamtverbänden haben sie sich erst18961900 in Berlin und in Hamburg u. s. w. zusammengesunden. Immer darf manihre sociale Wirkung nicht isoliert, sondern nur in Zusammenhang mit den unter 1.und 2. genannten Vereinen betrachten.

Alle diese Verbände wollen und müssen zunächst das Interesse der Arbeitgeberzu fördern suchen; sie sind daher meist zuerst Kampf- und Abwehrvereine, sie und diegroßen Riesengeschäfte weigern sich oft lange, mit den Arbeitern überhaupt auf gleichemFuße zu verhandeln, sind sehr schwierig in der Prüfung der Legitimation gewählterArbeitervertreter. Aber in dem Maße, wie die Verfassung der Gewerkvereine sich ver-bessert, taktvolle und geschulte Führer an ihre Spitze kommen, entsteht doch nach undnach und selbst da, wo die kapitalistische Übermacht der Unternehmer eine absolute ist,wo die best organisierten Gewerkvereine keine Ausstände wagen, wie gegenüber dengroßen amerikanischen Eisenbahngesellschaften, ein Zustand des VerHandelns, der Rück-sichtnahme aufeinander, welcher Mißbräuche beseitigt, das Arbeitsverhältnis vervoll-kommnet.

Ehe wir aber diese Verhandlungen betrachten, müssen wir im Anschluß an diefrüheren Erörterungen über Tarifverträge (siehe oben §Z 205206) nochmals aus-führen, warum kollektive Verständigung über dieArbeitsverträgc nötig,und wie sie früher stets autoritativ durch die Regierungen herbeigeführt wurde, wie erstdie übertriebene Theorie von der Verderblichkeit aller Staatseinmischung die nachdrück-liche ältere Vermittelung durch Behörden beseitigte und erschwerte.

Zu allen Zeiten haben Arbeiter desselben Haushaltes oder Betriebes und ebensoArbeiter gleicher benachbarter Betriebe gleiche Arbeitsbedingungen gefordert; sie sahenund sprachen sich, sie empfanden ungleiche Behandlung als unbillig, forderten gleichenLohn, gleiche Arbeitsbedingungen. Sie erreichten dies auch, teilweise durch Besprechungenund Verhandlungen, teilweise durch Zunft- und städtische Statute, durch Bauer- undGesindeordnungen, hausindustrielle Reglements. Wo im Mittelalter oder zur Zeit desaufgeklärten Despotismus Streit über solche auf ganze Gruppen von Leuten gleich-mäßig sich erstreckende Vertragsbedingungen entstand, galt es als selbstverständlich,daß der Stadtrat, die Polizei, die Regierungsorgane vermittelten oder gar durch Macht-sprüche, die sich beide Teile gefallen ließen, eine neue Ordnung nach Lage der Dingeund nach Billigkeit, der Zeit und Rechtsauffassung entsprechend schufen. Machtsprüchegegen den Willen der Beteiligten durchzusetzen, war freilich selbst der Allmacht FriedrichWilhelms I. immer schwer, wenn es sich um große Massen handelte. KammerdirektorHille schrieb nach Berlin , es sei doch gar nicht möglich, Hunderte von Tuchmacher-gesellen einzusperren.

Je größer die Betriebe neuerdings wurden, je mehr die Arbeiter gleichen Berufesintcrlokal sich berührten, desto schwieriger wurde es, dieses auch heute selbstverständlicheBedürfnis der gleichen Behandlung gleicher Arbeiter zu befriedigen. Formell aberwurde die Befriedigung dieses Bedürfnisses dadurch nun noch außerordentlich erschwert,daß die modische Theorie lehrte, Staat und Behörden hätten sich nicht um Markt undPreise, also auch nicht um Lohn und Arbeitsbedingungen zu kümmern, es müsse ausAngebot und Nachfrage von selbst durch individuelle Verträge und freie Konkurrenzstets ein glückliches und harmonisches Resultat entstehen. Man ließ die zwei Gruppender Beteiligten, die beide selbstbewußt geworden, von viel stärkerem, egoistischem Er-wcrbstrieb als früher erfüllt waren, die sich in einer neuen Technik und neuen Betriebs-formen zurecht finden sollten, unorganisiert und ohne jeden Versuch autoritativer Ver-