424 Drittes Buch- Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufcs u. der Einkommensverteilung. s^ZZZ
und Kricgskommissare werden reich, kaufen den alten Grundbesitz aus, oder es werdengar die großen Bankiers und die geldgierige» Kondottiere zu Fürsten, wie in Italien .Immer ändert sich bis Ende des 18. Jahrhunderts nicht zu viel an der aus demMittelalter hergebrachten Verteilung. In einzelnen Ländern und Gegenden wird derBauer vom Gutsbesitzer, der für den Markt im großen produzieren oder hohe Pacht-renten einziehen will, ausgekauft oder Vertrieben; in einzelnen größeren Städten erzeugtHandel, Bankwesen, steigende Grundrente eine Aristokratie des beweglichen Besitzes;aber ein breiter Geldlohnarbeiterstand besteht noch nicht; der Zünftler und der Bauerlebt noch im alten Geleise, ohne starken Erwerbstrieb, zufrieden mit der hergebrachten„Nahrung", vielfach durch Agrar-, Stadt-, Zunftverfassung geschützt. Die hergebrachteGesellschaftsverfassung mehr als das Marktgetriebe beherrschen die Vermögens- undEinkommensverteilung Westeuropas bis 1750, ja vielfach bis 1850.
Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts schufen die Geld- und Kreditwirtschaft, derneuere Verkehr und das neue liberale wirtschaftliche Recht (Gewerbefrciheit, Nieder-lassungsfreiheit, freie Konkurrenz u. s. w.) mit den neuen Betriebsformen, der neuensocialen Klasfenbildung, der fehr vermehrten Produktion eine wesentlich veränderte Ein-kommensverteilung. Der Erwerbstrieb ist zunächst in den Händler- und Unternehmer-kreisen, dann aber auch in weiteren Schichten ein ganz anderer geworden, er streifteeinen großen Teil der alten moralischen und rechtlichen Schranken ab (I § 18 u. 19).Der volle Sieg der Geldwirtschaft erzeugte die Rationalität in allem Wirtschaftsleben,die Auflösung vieler alten Bande und Gemeinschaften, den modernen Individualismus,die hastige Geldgier, die Rücksichtslosigkeit, den Machtmißbrauch der Reichen (II § 169).Es entstanden mit der Geldwirtschaft und Weltwirtschaft, mit den neueren Preis-wechseln, den heutigen Verkehrsmitteln, den Börseneinrichtungen Gewinnmöglichkciten fürdie wirtschaftlich fähigsten und zugleich für die listigsten und härtesten, wie sie auch inder geldwirtschastlichen Zeit Griechenlands und Roms vorhanden gewesen und damalsnoch viel größere Gegensätze und Ausschreitungen erzeugt hatten. Eine Habsucht undeine materialistische Genußsucht erfaßte die führenden Schichten, die Großstädter, wiekaum je zuvor. Und daneben ermöglichte der viel größere Wohlstand eine Bevölkerungs-zunahme ohnegleichen und die Entstehung von breiteren Schichten Besitzloser, ohneEigenwirtschaft, auf ein Geldeinkommen, Gehalt, Lohn u. f. w. Angewiefener, ohnedaß diese Schichten in ihrer Mehrheit sofort eine gesicherte Existenz und die Sitten undInstitutionen sich erwarben, die für solche Lebensstellung erwünscht sind.
Mochte zunächst die überlieferte Vermögens- und Einkommensverteilung einenerheblichen Einfluß behalten, mochte Moral, Sitte und Recht ihren Einfluß nie ganzverlieren, zunächst traten die Preiseinflüsse und Marktvorgänge und eine viel stärkereegoistische Machtbethätigung im wirtschaftlichen Daseinskampf in den Vordergrund.Der Mechanismus der Unternehmung mit seinem schwankenden Gewinn für den Unter-nehmer, mit dem bedungenen Zins für geliehenes Kapital, der bedungenen Grundrentefür benutzten fremden Boden, dem bedungenen Lohn für die mitwirkenden Arbeiterkonnte als „die Ursache" der Einkommensverteilung erscheinen. Bald zeigte sich freilichdaneben, daß die Staats- und Gemeindefinanzen, das Stiftungsvermögen, die wachsen-den öffentlichen und privaten Vermögen, die gesammelten Unternehmerkapitale für einenimmer größeren Teil des Volkes einen komplizierten Mechanismus des Arbeits-einkommens schufen, der nicht bloß aus dem Markt und seinen Preisen beruht. Von20 Millionen Erwerbsthätiger bezogen 1395 in Teutschland 16,3 ein fortlaufendes,durch eine Summe von Institutionen mehr oder weniger gesichertes Arbeitseinkommen.Und bei der Ausbildung dieser Institutionen spielen Vorstellungen über gerechte Be-lohnung eine zunehmende Rolle. Nur die Einkommens- und Vermögensbildnng von100 000 — 500 000 Unternehmern hängen heute in Deutschland so von Preisen undMarktvorgängen ab, wie die natürliche Einkommenslehre es sich vom ganzen Volke vor-stellte.
Die vie r vorgeführten wirtschaftlichen Auffchwungsperioden, in welchen diegrößeren Viehzüchter, die größeren Grundbesitzer, die Machthaber und Händler der Re-