Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
Seite
449
Einzelbild herunterladen
 

907)

Natürliche und künstliche Ursachen der städtischen Bodenrente.

449

sagt im Hinblick auf die Epochen der blühendsten Berliner Bodenspekulation:eineRegelmäßigkeit und Gesetzmäßigkeit der Preisbildung ist nicht zu erkennen; ihre Signaturist die Unberechenbarkeit". Im übrigen verweise ich auf die Ausführungen der Wert-lehre (II § 172), welche die Möglichkeiten künstlicher Preistreiberei erörtern. Auch derVergleich mit den antiken Großstädten spricht für den starken Einfluß der veränder-lichen gesellschaftlichen Einrichtungen und Zustände auf den städtischen Bodenwert, dieHäuserpreise und die Mieten.

Es scheint sehr wahrscheinlich, daß in den antiken Großstädten Rom, Konstantinopel,Alezandria eine Ausbeutung der Mieter stattfand, wie niemals später, obwohl der kleineMann nur ein Loch als Wohnung hatte und brauchte. Wir hören von 610 Stock-werken; die Straßen waren 56 m breit, so daß Wagen in ihnen garnicht Verkehrendurften. Da alle Wege zu Fuß gemacht werden mußten, stieg die Monopolrente imCentrum maßlos. Der furchtbare Druck der Mieter erhellt schon aus den zahlreichenkaiserlichen Schenkungen, welche die Übernahme aller kleinen Mieten auf ein Jahr be-treffen. Die großen Häuserwucherer, wie Crassus , hielten private Löschmannschaften:sie erschienen mit ihnen bei den zahlreichen Bränden, begannen die Rettungsarbeiten abererst, wenn sie die Grundstücke zu einem Spottpreis erhandelt hatten. Crassus solleinen großen Teil Roms besessen haben.

Wie unendlich besser ist dem gegenüber das Bild unserer Großstädte mit ihrengewiß noch schwachen, kaum begonnenen, aber doch schon jetzt tiefeingreifenden Wohnungs-reformen. Immerhin liegt es im Wesen der neuen Großstadtbildung, daß auch sieeine große Monopolrentenbildung und eine Verschlechterung der Stellung der Mietergegenüber den Hausbesitzern herbeisühren mußte. In Berlin wohnte 1700 noch dieHälfte der Bevölkerung im eigenen Haus, 1786 ein Viertel, heute 13°/o, währendin den amerikanischen großen Städten mit über 100 000 Seelen noch 33 °/o in eigenenHäusern (1895) lebten. Heute hat ein Hausbesitzer oft 1060 Mieter, oft ist er Eigen-tümer ganzer Häuserreihen. In kleinen Städten, am Rhein ist es immer noch besser.In Elberseld beherbergt noch über ein Viertel aller Häuser nur eine Haushaltung,auch das Arbeiterhaus nur 2 4. Das stellt Angebot und Nachfrage ganz andersgegenüber. Die Organisation der Vermieter ist meist heute gut und geschlossen, dieder Mieter nicht vorhanden oder schwach; sonst wäre es nicht möglich, daß jede kleineGehaltsaufbesserung der Beamten z. B. sofort ohne Widerstand zur Einkassierung der-selben durch die Hausbesitzer führt. Je mehr das zur Bebauung kommende Geländeder wachsenden Stadt in potenten wenigen Händen liegt, je mehr diese einen sesten Ringihres Besitzes um die Stadt herum legen können und viele Jahre ohne Zinsen es aus-halten, sicher, im späteren erhöhten Bodenpreis doch eine Verzinsung von 520°/ojährlich zu erhalten, desto gewaltiger kann die innerstädtische Rente steigen, desto mehrwerden die Neubauten in eine zu entfernte Peripherie gedrängt. Und wo die Mehrzahlder Hausbesitzer nun gar noch Spekulanten sind, die mit möglichst wenig Anzahlung ge-kauft haben, um möglichst rasch nach Anziehung der Mietsschraube wieder zu verkaufen,da kommt um so leichter zur Monopolrente, wie sie in der Natur der Sache liegt, einekünstliche übermäßige, durch die Spekulation vermehrte.

Dabei bleibt auch sür die Großstädte mit starker Monopolrentenbildung wahr,daß die Bodenverstaatlicher sie weit überschätzen, und daß ohne eine solche, als Prämiewirkende Monopolrente die Ausdehnung und der Umbau unserer Großstädte nicht möglichgewesen wäre, daß ohne sie furchtbare Mißstände und periodische noch größere Miets-steigerungen stattgefunden hätten. Ein großes Geschäftshaus auf dem Berliner Haus-vogteiplatz z. B. wurde mit Erwerbs- und Baukosten von 2,2 Mill. Mk. zum modernenVerkaufshaus umgebaut, was 1 Mill. Mk. Gewinn gab: das Haus erzielte jetzt Mieten,die 3,2 Mill. Mk. verzinsten; aber es war der Umbau ein erhebliches Wagnis, eingefährliches Geschäft, dessen Gewinn vorher nicht feststand. Die ersten Pionieresolcher Umgestaltungen müssen große Gewinne machen, sonst unterbleiben sie. Abernoch mehr gilt nun von der Stadt als vom Platten Lande, daß Hunderte von andernnachher ähnliche Gewinne im Schlase machen.

Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre. II. !,-<!, Ausl. 29