Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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454 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumläufe^ u. der Einkommensverteilung, ^912

10005999 Mk. Vermögen hatten und deshalb steuerfrei waren. Fr. I. Neumann machtmit guten Gründen glaublich, daß 1011 Mill. Haushaltungsvorstände und Einzel-verdienende nicht zur Vermögenssteuer Herangezogene vorhanden seien, von denen jederdurchschnittlich 8001000 Mk. Vermögen habe, die also zusammen Wohl 10 Milliardenhatten, die zu den 75 Milliarden der Besteuerten hinzukämen. Doch haben wir hiervon all' Derartigem abzusehen, können nur das Ergebnis der amtlichen Statistik be-trachten.

Das Hauptresultat der Untersuchung Everts ist nun, daß die Prozentzahl derbesitzenden Steuerzahler (Censiten und Angehörige gegenüber der Bevölkerung) am größtenda ist, wo der mittlere Bauernstand vorwiegt (2123°/o in den RegierungsbezirkenHannover, Münster, Lüneburg ), sehr viel geringer dort, wo der Großgrundbesitz herrscht(810°/o in den Regierungsbezirken Stralsund, Posen, Oppeln, Danzig, Breslau ,Marienwerder, Bromberg), sowie daß in den Städten mit wenigen Arbeitern die Besitzendeneine ähnliche Ziffer erreichen wie in den Bauerngebieten (Bonn 22,26, Wiesbaden 21,36,.Frankfurt 15,14 °/v), daß dagegen in den reinen heutigen Industriestädten die Besitzen-den noch unter das Niveau der Großgrundbesitzgegenden sinken (Königshütte 5,85, Essen7,36, Berlin 7,80, Beutheu 8,31°/°). Das heißt: Latifundienbildung und Großindustriesind zunächst die Hauptursachen der modernen zunehmenden Vermögensungleichheit.Beide erzeugen die steigende Prozentzahl Besitzloser oder wenig Besitzender, welche ^nichtunter die preußische Vermögenssteuer im eben angegebenen Sinne fallen.

Knüpfen wir an diese Zahlen nun ein Wort der Würdigung. Die wachsendeUngleichheit ist unbestreitbar. Aber sie schließt nicht aus, daß in den geldwirtschaft-lichen Epochen des Altertums die Gegensätze noch viel größer waren als heute; Rod-bertus schon betont das mit Recht. Auch für die Länder der Halbkultur trifft das^teilweise zu; El. Janet behauptet es z. B. von China. Wir dürfen nicht vergessen, 1.daß die großen Vermögen solcher Zeiten und Länder in einem viel niedrigeren Geldwertausgedrückt sind, also um vergleichbar mit unserer Gegenwart zu werden, auf das 36fachevermehrt werden müßten und 2. daß die Besitzüberlegenheit einzelner Reicher in den ganzkleinen demokratischen Staaten ohne feste Staatsgewalt, mit Sklaverei, mit viel härterenRechts- und Wirtschaftsinstitutionen, in Zeiten unbarmherzig egoistischer Habsucht ganzanders wirken konnte als später in christlichen großen Staaten mit viel humanerenInstitutionen. Dagegen wird es nicht zweifelhaft sein, daß die VermögensverteilunzMitteleuropas von 13001900 eine steigend ungleichere wurde, allerdings in den einzelnenLändern in sehr verschiedenem Maße.

Die Erklärung des Problems, die wir vielleicht als die thörichtste bezeichnenkönnen, ist nun die, der Reichtum der Reichen könne nur durch Beraubung der Armenentstanden sein. Eine solche kindliche Idee knüpft an die Vorstellung der Gleichheitaller Menschen an, die von rechtswegen eine Gleichheit der Besitzverteilung zur Folgehaben müßte. Sie ist so wenig vorhanden, wie die entgegengesetzte Annahme ganz zutrifft,die verschiedene Vermögensverteilung sei die direkte und notwendige Folge der ver-schiedenen individuellen Eigenschaften, die Reichen seien die Fleißigen und Wirtschaftlichen ,die Armen die Faulen und Trägen. Der Kern des Problems liegt doch in der historischenEntwickelung der Gesellschaft und der Volkswirtschaft; diese schließt ein: 1. die zu-nehmende sociale Differenzierung, d. h. Entstehung verschiedener socialer Klassen, 2. diewachsende Schwierigkeit, auf derselben Fläche für eine steigende Bevölkerung nicht bloßgleiche, sondern zunehmend bessere wirtschaftliche Lebensbedingungen möglichst für alleKlassen zu schaffen, und endlich 3. die noch größere Schwierigkeit, diejenigen Rechts-und Wirtschaftsinstitutionen aus- und stets fortzubilden, welche Produktion und Ver-teilung richtig im Gang erhalten und zugleich den Individuen und Klassen, ihrer Leistungs-fähigkeit, ihrem Verdienste einigermaßen gerecht werden. Dabei wird nie zu vermeidensein, daß die führenden Personen und Kreise immer wieder das größere Vermögen erwerben;aber es wird auch stets die Frage bleiben, ob dieses Vermögen persönlichen Eigenschaftenund größeren Leistungen entspricht oder nicht, ob und in welchem Maße Unrecht, Gewalt,Betrug, Täuschung mitwirken, ob nicht in den Zeiten des Aufschwungs und der Um-