468 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen.
Preußen ging fast die Hälfte der Rittergüter in andere Hände über, in Litthauen 1822von 1600 Bauerngüter 1000. Auch in den letzten 40—50 Jahren haben trotz allerAusgleichung durch den Welthandel die mehrjährigen Ernteschwankungen nicht aufgehört;ob man sie nun auf den Wechsel der Sonnenflecken und der Sonnenwärme zurückführenmag oder nicht, man hat sie und ihre Wirkungen auf die Preise, auf die ganze Nach-frage in direkte Parallele mit den periodischen Krisen gesetzt. Ihre Wirkung auf dieNachfrage nach anderen Waren wird schon klar, wenn wir z. B. bedenken, daß diedeutschen Landwirte 1395 von ihrem Getreide 400—500 Mill. Mk. weniger als nachden Preisen von 1850—1890 oder als nach dem Stande von 1892 einnahmen. Nebendem Getreide spielen auch die anderen Kulturen eine entsprechende Rolle. Die Kartoffel-krankheit von 1845 an, neuerdings die Phhlloxera, die einen großen Teil der französischen Weinberge zerstörte, Krankheiten der Seidenwürmer, welche zeitweise da und dort einenerheblichen Teil der Seidenernte vernichteten, haben aufs tiefste in die Ernährung undden Wohlstand ganzer Länder und Gegenden eingegriffen. In Baden ist der durch-schnittliche Weinertrag ^'2 Mill. bl, 1880 erntete man hiervon, 1875 den dreifachenBetrag. Mit der Ausbildung des modernen Welthandels ist die schwankende Zufuhrund Ausfuhr dieser Rohstoffe für das eine beziehende Land eine Ursache größterSchwierigkeit der Bezahlung und der Handelsbilanz, für das andere exportierende oft gareine Frage der Existenz geworden. Wenn Großbritannien in einem Jahr für Getreide10-30 Mill. F mehr als sonst ans Ausland zahlen muß, so schwindet das verfügbareLeihkapital zusammen, der Diskonto wird erhöht; daraus folgen Schwierigkeiten undSchwankungen des Kapitalmarktes, des ganzen Kreditwesens. Wenn Rußland, Ungarn ,Indien die jetzt übliche Getreideausfuhr zeitweise nicht haben, weil überreiche Erntenin den beziehenden Ländern eintreten, so ist das ein schwerer Schlag für diese Export-staaten, es fehlt an Mitteln, die Einfuhr des Landes, die auswärtigen Gläubiger zuzahlen; die ganze innere Konsumtion muß sich einschränken, die Finanzen kommen inNot. Die Handelskrise von 1857 in den Vereinigten Staaten beruhte wesentlich mitauf den Ernten von 1851 —1857; die amerikanischen Farmer hatten bis 1356 beiplötzlich gesteigertem Export nach England infolge des englischen Preises pro QnarterWeizen von 70—80 Schill. eine ganz außergewöhnliche Kaufkraft, die 1857 zusammen-brach, als die gute europäische Ernte den Weizenpreis auf 50 Schill. herabdrückte, dieamerikanischen Brotstoffe überflüssig machte.
Die steigende technische Vervollkommnung der Landwirtschaft, der zunehmendeWelthandel, vielleicht für das einzelne Land auch gewisse staatliche Maßnahmen werdendiese Übelstände mindern, aber sie nicht beseitigen. Ein socialistischer Weltregent, derverspricht, sie verschwinden zu lassen, müßte zugleich Herr über die Wärme, den Regensowie über alle Pflanzen- und Tierkrankheiten sein. Fourier glaubte Derartiges, viel-leicht sind einzelne socialistische Schwärmer auch heute noch kindlich genug dazu. Diegebildeten socialistischen Führer und Schriftsteller können diesen Glauben doch Wohlnicht mehr haben. —
Neben diesen Naturereignissen stehen nun die nicht minder tiefgreifenden Verände-rungen, welche in der ganzen inneren Verfassung der Volkswirtschaft und welchein ihren Beziehungen und ihren Machtverschiebungen nach außen vorgehen. In letztererBeziehung erinnern wir z. B. daran, welche tiefe Veränderung es mit sich bringt, wennein bisher sich abschließendes Land gezwungen oder freiwillig sich den Fremden auf-schließt. Sind diese sehr überlegen, so kann der Niedergang, die Schuldknechtschast ein-treten, die zuletzt zur Fremdherrschaft wird. Jedenfalls entstehen ganz neue Konkurrenz-verhältnisse, Absatzstockungen im Inland oder auch ein erheblicher Aufschwung desheimischen Exportes. Die großen Verschiebungen der Welthandelsstraßen heben odersenken die einzelnen Städte- und Volkswirtschaften. So hat die Verlegung der Welt-handelsstraße vom Mittelmeer nach dem Ozean im 16.—18. Jahrhundert Italien tiefgeschädigt, die westeuropäischen Staaten gehoben. So hat der Bau des Snezkanalsdie Mittelmeerhäfen und die von ihnen ausgehenden Bahnen ebenso gefördert, wie Eng-land und seinen Zwischenhandel herabgedrückt. Kritische Epochen treten stets ein, wenn