470 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. sMK
und Frühjahr auszureichen. Mit der Ausbildung der Stadtwirtschaft entstand derregelmäßige Kauf und Verkauf auf dem städtischen Markt, der Austausch zwischendem städtischen Handwerk und Handel und dem umgebenden Platten Lande. Derkleine Markt war leicht zu übersehen und wurde durch seine Einrichtungen mög-lichst in den hergebrachten Bahnen erhalten; stabile Kundenverhältnisse stellten sich fürbeide Teile leicht ein. Freilich auch nicht ohne daß Schwankungen vorgekommen wären,wie sie durch Erntewechsel, Krieg und Unruhen, durch Konkurrenz der Nachbarstädte,durch den Versuch des Landmannes, sein Bier selbst zu brauen und Ähnliches erzeugtwurden. Bei jedem nicht gehörig befahrenen Wochenniarkt mußte der Stadtrat Unruhenund Tumult erwarten. Auch in der Stadt selbst erzeugte der Handel und die fort-schreitende Technik manche Konkurrenz, welche dem verderblich wurde, der sich dem Fort-schritt nicht anschloß.
In dem Maße, wie der Verkehr, die interlokale Arbeitsteilung zunahm, wie dieTerritorial- und Volkswirtschaft sich ausbildete, d. h. in etwas großen Staaten einhalbwegs freier Markt mit besseren Verkehrsmitteln und eine lebendigere Konkurrenzsich entwickelten, wurde die Sache aber jedenfalls noch viel schwieriger. Zwar blieb zu-nächst meist dem Landmann mit seinen schwer transportabelen Waren der Absatz in derNähe gesichert, auch den örtlichen Handwerkern und Händlern blieb lange eine relativgesicherte Nachfrage der Nachbarn und der Umgegend für viele Waren; aber es beganndoch die Konkurrenz des Jahrmarktes mit der örtlichen Produktion. Das feine Tuch,die besseren Metallwaren und Ahnliches kamen nun von weiter her; die größeren Städtebedrängten die Warenproduktion der kleineren, die eine Provinz die der anderen. Unddas steigerte sich mit der Post, dem Chausseebau, den Kanälen, dem leichteren Fracht-verkehr immer mehr. An einzelnen Punkten begann man fürs ganze Land und baldauch fürs Ausland zu arbeiten; die industrielle Blüte einzelner Städte und Industrienseit dem 13.—16. Jahrhundert beruhte meist zugleich auf dem Rückgang der betreffen-den Gewerbe an anderen Orten oder auf der Thatsache, daß die ganz neuen Gewerbenicht mehr wie früher überall Platz griffen. So klagt man seit dem 16. Jahrhundertüber den Untergang einzelner Gewerbe, z. B. der Tuchmachern oder Brauerei in vielenStädten, über den Rückgang der kleinen Städte im allgemeinen. Wo man wie in Augs-burg und Ulm für den italienischen Markt Barchent verfertigte, wo wie in England seit1400 die Tuchmacherei wesentlich für den Export arbeitete, entstanden schon damalsfür Jahre und Jahrzehnte schwere Absatzstockungen. Und sie steigerten sich im 17. und18. Jahrhundert, je mehr die Absatzlinien sich nach Spanien , nach den Kolonien aus-dehnten. Manche Ware brauchte jetzt Jahr und Tag, bis sie an dem Bestimmungsortankam; wer wollte da sagen, wie bis dahin Krieg und Frieden, gute und schlechte Kon-junktur sich stellen werde. Der Verkauf auf den großen Messen hing von so vielenZufälligkeiten ab, daß man schwer im voraus wissen konnte, ob man den mitgebrachtenVorrat los werde. Der Zustand war nur deshalb leichter erträglich als heute, weildie Produktion für die fremden Märkte doch nur einen mäßigen Prozentteil des Ganzenausmachte, und dn zunehmende Konkurrenz im Inneren der Staaten mit einem Bedarfrechnete, den man im ganzen doch übersah, der sich nach und nach immer wieder kon-solidierte, der durch bobe Transportkosten, oft auch durch Schutzzölle und Verbote gegenaußen gesichert war.
Im 19. Jahrhundert hat die Weltwirtschaft und die neue Verkehrstechnik dieLinien zwifchen Produktion und Konfumtion unendlich viel weiter auseinandergezogenals früher. Immer neue Märkte öffneten sich seit der Unabhängigkeitserklärung dersüdamerikanischen Staaten in den zwanziger Jahren; die Kolonien und die Länder derEdelmetallproduktion traten ganz anders als Käufer von Jndustriewaren auf; die Er-mäßigung der Zolltarife und die Eisenbahnen steigerten die internationale Arbeitsteilung,von 1840 an ganz anders als jemals früher. Dabei konnten große Rückschläge nichtausbleiben; die Änderungen der Zollsysteme, das rasche Aufblühen neuer Jndustrie-und Ackerbauländer, die völlige Unsicherheit über die Konsumtionskraft der großenasiatischen Reiche erzeugten naturgemäß mit den wachsenden Konkurrenzkämpfen, mit