Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen.

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die nachher wieder zeitweise überflüssig waren; die Lokomotivbauanstaltcn hatten sichmit atemloser Hast eingerichtet, jährlich 1900 Lokomotiven bis zum Preis von24 000 Talern liesern zu können; 1876 schon brauchte man höchstens 600 und zahltenur noch 9300 Taler für eine. Es ist nachher leicht sagen, daß man die Möglichkeitenüberschätzt, zu rasch gebaut habe; wenn man ganz neuen Verhältnissen gegenüber-steht, trifft das Urteil immer schwer gleich das Richtige. Und Privatspekulation wieParlamente und Regierungen werden gleich leicht sich irren. Man hatte in Österreich 1867 nur 11, 1872 aber 34 Millionen Personenbillete verkauft. War das nichtAnlaß zu den kühnsten Hoffnungen?

Die Tendenz zur Mehrproduktion, die steigenden Preise waren in den meistenAusschwungsperioden an sich berechtigt. Aber das Maß war falsch; man täuschte sichüber dasselbe, weil man in einer raschen Vorwärtsbewegung begriffen war, und weiles in solcher Zeit sehr schwer ist, sicher zu sagen, bis wohin man in zwei, drei undmehr Jahren kommen wird. Und für diese muß man nach der heutigen Verfassungdes wirtschaftlichen Lebens ja in der Gegenwart die Vorarbeiten machen. DieseSchätzung der Zukunft ist das Schwierige und nicht etwa bloß wegen der Indi-vidualität des Konsums, wegen des möglichen Wechsels der Mode u. s. w.Das am schwersten ins Gewicht Fallende ist der ewige Wechsel aller gesellschaftlichen,politischen, internationalen Verhältnisse. Die Bevölkerung nimmt in Europa jährlichum Millionen zu, ebenso ihr Einkommen; das Tempo ist einmal langsam, dann wiederrasch; das geschätzte Steuereinkommen war im Königreich Sachsen 1879 959, 18841140, 1892 1584 Mill. Mk., in Oldenburg 1865 44, 1870 46, 1875 53, 1380 58,1885 62, 1390 67 Mill. Mk. Welche stoßweise Änderung der Nachfrage deuten nichtschon diese wenigen Zahlen an. Soweit man fürs laufende oder nächste Jahr pro-duziert, hat man, zumal in leidlich wohlhabenden Staaten, allerdings in den bestehen-den Konsumtionssitten, in der vorhandenen und bekannten Einkommensverteilung einenfesten Anhalt darüber, wie 5080°/o des laufenden Einkommens, die fürs Notwendigeerforderlich sind, ausgegeben werden; an gewöhnlichen Nahrungsmitteln, Kleiderstoffen,Werkzeugen, Arzneimitteln wird Jahr für Jahr im ganzen die gleiche Menge gebraucht.Aber darüber, wie der Rest des Einkommens ausgegeben, was davon verbraucht odererspart, wie es verbraucht werde, darüber lasseu sich im voraus nur vage Vermutungenaussprechen. Wie schwankt schon der Fleisch-, der Bier-, der Weinkonsum, der Ver-brauch besserer Kleiderstoffe; der Berliner Fleischkonsum wechselte 18401857 zwischen88 und 129, 18831892 zwischen 138 und 173 Pfd. pro Kopf, der Pariser 13471851 zwischen 77 und 137 Pfd. Das hängt von den Ernten, von Krieg undFrieden, guten und schlechten Geschäftsjahren, von der Entwickelung des internationalenHandels und zahlreichen anderen Umständen ab, welche eineplanvolle centralistischeProduktionsleitung" ebenso wenig voraussähe, vielleicht und sogar wahrscheinlich falscherschätzte, als die heutigen Verantwortlichen Lenker der Produktion, die für jeden Irrtummit ihrem Vermögen stehen. Ob das nächste Jahr fremde Staaten uns ihren Marktverschließen, weiß man gegenüber einigen Vertragsstaaten, gegenüber anderen oft wich-tigeren Märkten nicht. Vollends ob in den nächsten Jahren irgendwo technische, vonanderen gemachte Verbesserungen uns auf fremden Märkten und zu Hause den Absatzerschweren, wer will das im voraus in Rechnung ziehen? Wer kann vollends sichersagen, wie der Kohlen-, Eisen-, Maschinenbedarf in den nächsten Jahren steigen wird.

Ein Hauptmoment für die schwierige Voraussage des kommenden Bedarfes ist im19. Jahrhundert die steigende Bedeutung derjenigen Industrien geworden, welche nichtdirekt Konsumwaren herstellen sondern Produktionsmittel: Kohle, Eisen und Stahl,Maschinen, Baumaterialien. Ist der Bedarf an Brot und Fleisch, Baumwollgewebeubei dem heutigen Wohlstand der Kulturvölker auch ein mehr oder weniger gleichmäßiger,der an Produktionsmitteln und Baumaterialien ist um so schwankender. Es liegt dasin der Natur der Sache, im Gegensatz der Konsumgüter und der Produktionsmittel.Den Bau von Häusern, Fabriken, Chausseen, Eisenbahnen kann man stets noch einigeJahre verschieben, wenn es an Mitteln, an Stimmung, an starkem Begehr fehlt. Die