Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen.

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Volkswirtschaft in Mitleidenschaft ziehen. Doch ist auch für diese Zusammenhänge zubemerken, daß eine volkswirtschaftlich hochstehende Staatsleitung die entsprechende Rück-sicht auf den Kapitalmarkt in allen gewöhnlichen Fällen Wohl nehmen kann, ja daß siesogar bedrängten großen Banken durch Darleihung überflüssiger, hiedurch nicht gefähr-deter Staatsgelder in der Zeit der Krisis im Gesamtinteresse helsen kann.

Die Ansammlung des gesparten Kapitals in den Banken ist ein großer Fortschritt,aber sie hat die Folge, daß in den Zeiten der Depression der kaufmännische Zinsfußauf ein Prozent oder gar weniger sinkt. Ein englisches Sprichwort sagt: alles kannJohn Bull ertragen, aber wenn der Zins unter ein Prozent sinkt, wird er toll. Ganze Theorienwurden aufgestellt, die die Krisen ausschließlich auf dieses Sinken des Zinsfußes oder garauf zu starke Kapitalbildung überhaupt zurückführten. Die zeitweise Kapitalansammlungist an sich kein großer Übelstand, sie wird nur einer, wenn die Banken in solcher Zeitdie geringen Gewinne nicht ertragen wollen, wenn sie, um das Geschäft zu beleben,leichtsinnig oder unvorsichtig Kredit geben, dadurch dann in 13 Jahren ihre Kapi-talien erschöpfen und nun unter Umständen zu rasch den Zinsfuß erhöhen, auch densolidesten Geschäften Kredit verweigern müssen. Es handelt sich auch hier darum, daßdie Gewinnabsicht zu sehr entscheidet, wo höhere Gesichtspunkte den Vortritt habensollten.

Hier, wie bei allen erwähnten Mißständen, die durch Geld- und Kreditvorgängeentstehen, und bei aller falschen Preisbildung der Waren handelt es sich darum, daßdas heutige Geschäftsleben zu leicht nur auf den Gewinn der Stunde und des Tagesstatt auf die Zukunft sieht. Wenn in einer aufwärtsgehenden Konjunktur alle Konsum-waren und alle Produktionsmittel, zumal Kohle, Eisen u. s. w., im Preise steigen, istdas unvermeidlich und richtig; die etwaige Mehrproduktion, die nötige Mehreinfuhrkann nur fo geschaffen werden. Aber nie sollten die preissteigernden Unternehmer weitergehen als nötig, stets sollten sie sich sagen, daß die Preissteigerung den Verbrauch ein-schränkt, daß sie nur ein Segen sürs Ganze ist, wenn sie anhält. Aber das wirdvergessen, weil man nach dem Gewinn des Tages jagt und für die ferneren Folgenstumpf ist. Mit Betrug, mit Täuschung, mit falschen Bilancen und Nachrichten steigertman die Preise und treibt so der Krisis zu. Wenn die Preise stets ein richtiger Baro-meter der Marktlage wären, so wäre ja freilich Derartiges nicht möglich. Wir habenin der Wertlehre (Z 172 und 173) gesehen, daß dem nicht so ist, daß Betrug, Macht-mißbrauch, Irrtum aller Art auf die Preisbildung Einfluß haben.

Wenn wir hier die Sünden der Überspekulation und der Preistreiberei betonthaben, so darf man freilich dabei nie vergessen, daß in solcher Zeit Irrtümer undLeichtsinn sich mit dem Betrug mischen, daß die Preise in den Zeiten des glänzendenGeschäftsaufschwunges, wie in denen des plötzlichen Niederganges, oft für Monate auchvon Gefühlsstimmungen beherrscht sind, die, auf Selbsttäufchung beruhend, später ganzunverständlich erscheinen. Die Ansteckung der Massengefühle wirft auch nüchterneMenschen um, die Gewohnheit, nur auf den Gewinn des Tages zu sehen, macht Tausendeganz blind. Der Mechanismus des heutigen Verkehrs und der Börse hat diese psychischenKrankheiten gesteigert. Die Händler, Unternehmer und Spekulanten der ganzen Erdesind heute durch den Telegraph verbunden; die einflußreichen derselben versammeln sichtäglich auf den großen Börsen; falsche und richtige Nachrichten stürmen da auf sie ein;lautere und unlautere Elemente suchen hier für dies und jenes Stimmung zu machen;ehrliche und bestochene Journalisten suchen hier die Kurse und Preise zu heben, dortsie zu drücken. Wochen und Monate lang häufen sich die günstigen Nachrichten, dannwieder die trüben. Es gehört ungewöhnliche Nüchternheit, große Geistesklarheit, enormeGeschäfts-, Welt- und Handelskenntnis dazu, um in diesem von Gefühlen und Leiden-schaften aller Art bewegten Massengetriebe stets das Richtige zu treffen. Selbst dieKlügsten lassen sich nicht sowohl über die Bewegungen der Produktion und des Handelsals über ihr Maß täuschen; die große Masse unterliegt fast stets bald den optimistischen,bald den Pessimistischen Gesühlen, zwischen denen die meisten Menschen unsicher hin undher schwanken. Und naturgemäß ist die Schätzung der niemals ganz klaren wirtschaft-