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Falsche Preisbildung. Typus des Krisenverlaufes.
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lichen Zukunft und ein Kreditsystem, das auf dieser Schätzung der Zukunft und aufder täglich neu zu vollziehenden Vertrauenseinschätzung von Tausenden von Personenberuht, doppelt solchen psychischen Wandlungen unterworfen, wenigstens so lange dieMenschen nicht in ihren Gefühlen und Leidenschaften ganz andere geworden sein werden.
240. Der typische Verlauf der wechselnden Konjunkturen beiden modernen Kulturvölkern. Nach der bisherigen Auseinandersetzung derwichtigsten Ursachen, welche den Ablauf des volkswirtschaftlichen Lebens überall zueinem schwankenden, unsicheren, hin- und herwogenden machen, dürste es klar sein, daßwir gegenüber den so zahlreichen Möglichkeiten von Störungen keineswegs für alleZeiten und Völker behaupten können, die Schwankungen, sowie die Art des wirtschaft-lichen Mißbehagens müßten in gleichen Perioden und in gleichen Charakterzügen sichwiederholen. Aber sür die neueren Kulturvölker der arischen Rasse mit ihren imganzen ähnlichen Lebensbedingungen und Institutionen hat sich doch mehr und mehrseit dem letzten Jahrhundert die übereinstimmende Thatsache herausgestellt, daß ihrevolkswirtschaftliche Entwickelung in einem cyklischen Auf- und Niedergang ihres Ge-schäftslebens sich vollzieht. Wir wollen nachher durch eine kurze historische Übersichtden Beweis hiefür erbringen. Wir werden uns aber die Darstellung dieser Oscillationenerleichtern, wenn wir vorher versuchen, den typischen Verlauf dieser je in Perioden von8 — 20 Jahren sich vollziehenden Ausschwungs- und Niedergangszeiten, Hausse- undBaisseepochen, zu schildern.
Das Wesentliche ist dabei der ganz verschiedene Charakter der Hausse und derBaisse. Zwischen beiden steht häufig, nicht immer die Krise, d. h. eine Zeit plötzlicherStockung des Geschäftslebens, zahlreicher Bankerotte, rascher und starker Preisverändc-rungen, vollständiges oder partielles Versagen des Kredites; die Krise dauert oft nurwenige Tage und Wochen, oft auch länger; sie verteilt sich oft auf mehrere Anstöße,die ein Jahr oder länger auseinander liegen. Die Krise ist nicht eine plötzlich ein-tretende Krankheit, sondern nur der akute Ausdruck des Umschwunges vom Wellenbergzum Wellenthal der wirtschaftlichen Bewegung. — Man hat diese drei Teile, Aufschwung,Krise, Niedergang längst unterschieden, neuerdings aber erst hat Spiethoff die speciellenSymptome dieser drei zusammengehörigen Glieder derselben Kette genauer unterschiedenund so die Erkenntnis des ganzen Problems wesentlich gefördert.
Wir schicken noch voraus, daß wir diesen typischen Verlauf am deutlichsten dakonstatieren, wo eine hoch entwickelte Volkswirtschaft mit Arbeitsteilung, Kredit, Export,moderner Technik und Betriebsweise, starker Kapitalverwendnng vorhanden ist, daß diedurch Arbeitsteilung und Verkehr verbundenen Volkswirtschaften meist von gleichzeitigenoder bald sich folgenden Bewegungen und Krisen heimgesucht werden, die in innererVerbindung stehen, daß dagegen weniger entwickelte Länder mit teilweise erhaltenerNaturalwirtschaft, geringem Verkehr von diesen Krisen wenig oder nicht berührt werden.Die entwickeltesten Länder haben stets ihren großen Aufschwung an Reichtum und Macht,an Produktion und Technik, an Bevölkerungszahl und Kultur durch diese auf- undniedergehenden Bewegungen hindurch vollzogen; sie standen meist am Schlüsse jederRückgangsbewegung doch wesentlich höher als im Beginn der letzten Ausschwungsperiode.
n.. Gehen wir von der Zeit der Stockung, der Geschäftsflauheit aus. Die meistenPreise stehen tief, der Geschäftsgewinn ist im Durchschnitt, zumal in den Hauptbranchendes Handels und der Industrie, ein sehr geringer; der Lohn und der Zinsfuß sind ge-drückt; es mangelt jede Unternehmungslust. Das ersparte Kapital sammelt sich in denBanken, die Barvorräte derselben häufen sich; z. B. in der englischen Bank 1848—1852von 1 auf 22 Mill. F; der kaufmännische Diskonto sinkt auf 1—2°/o. Der Exportist zurückgegangen; die erwerbenden Klassen schränken sich ein; der Konsum ist meist eingeringer. Die Zahl der Armen, der Beschäftigungslosen steigt in der Krise, bleibt nunaber lange hoch, nimmt zeitweise noch zu. Z. B. nahmen in Preußen 1846 —1850die wegen Almosenempfanges von der Klassensteuer befreiten Personen von 440 000 auf708 000 zu. Die Geburtsziffer und die Ehefrequenz ist gering, die Zahl der Sterbe-fälle, der Auswanderer, der Bestraften, der Bankerotte ist groß und wächst oft lange.