Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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^78 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. ^936

Die württembergischen Konkurse z. B. warm 1835/36 bis 1847/43 von 1200 auf 4000,zu Anfang der fünfziger Jahre auf 8000 gestiegen. Dabei mögen einzelne Klassen derGesellschaft noch so sehr von der allgemeinen Stockung unberührt bleiben, es mag sogarbei den niedrigen Preisen der Konsum von manchen Waren steigen, das Gefühl derDepression ist doch ein ziemlich allgemeines, alles spart, nur wenige wollen etwaswagen. Der ganze Zustand ist, wie wir eben sahen, nicht bloß ein wirtschaftlicher,sondern wesentlich auch ein massenpsychischer; nicht bloß Einsicht, sondern auch all-gemeine Gefühle beherrschen ihn, und sie können sehr übertrieben sein; sie ändern sich meistnur sehr langsam, um so langsamer, je größer die vorausgegangene Katastrophe war.

d. Aber zuletzt nach 2, 4, 6 Jahren ist sie doch von der Masse vergessen. Jetztendlich wirkt der niedrige Zinsfuß zur Anlage des vorhandenen, massenweise angesam-melten Leihkapitals, jetzt wirken die niedrigen Preise der Konsumgüter wieder auf ver-mehrten Verbrauch. Die vorhandenen Geschäftseinrichtungen werden nun wieder vollausgenützt. Der Geschäftsgeist belebt sich, die Hausse in ihrem ersten Stadium hatbegonnen. Kommen dazu nun anregende äußere Momente, glückliche technische Neue-rungen, Verkehrsverbesserungen, der Aufschluß neuer Märkte, große politische Ereignisse,welche die Nachfrage beleben, siegreiche Kriege, Kolonieerwerbungen, große innere Neu-gestaltung in Verfassung, Gesetzgebung, Verwaltung, so werden vollends sichtlich dievorhandenen schlummernden Kräfte ausgelöst. Das zweite Stadium der Hausse charak-terisiert sich nun durch Neugründung von Geschäften, Fabriken, Eisenbahnen, Bankenwie durch Erweiterung der bestehenden. Dieser Aufschwung geht meist von bestimmtenGeschäftszweigen aus; das eine Mal ist es die Textilindustrie, das andere Mal dieBauthätigkeit in den großen Städten; bald ist es das Bankwesen, bald sind es dieEisenbahnen. Je mehr die moderne Industrie vor allem der Kohlen, des Eisens, derMaschinen bedürfte, desto mehr haben sich diese Industrien der wichtigsten Produktions-mittel (wie erwähnt) an die Spitze der Bewegung gestellt, Arbeit und Kapital an sichgezogen, sich rasch ausgedehnt. Ihre Gewinne, die höheren Löhne, die steigenden Preise dehnensich dann aber successiv in immer größeren Wellenkreisen auf die übrige Volkswirtschaftaus, sie erhält im ganzen das Gefühl des Wachstums, der Blüte, wenn auch einzelneTeile leidend bleiben, über Arbeiterentziehung, über Erschwerung der Kapitalbeschaffungklagen. Die Preise sind noch nicht anormal hoch; der allgemeine Konsum kann steigen;die Leute geben mehr aus, der Luxus wächst. Die Ehe- und Geburtenfrequenz steigt,die Zahl der Verbrechen und Vergehen nimmt ab, in Württemberg z. B. 18521857von jährlich 23 000 auf 16 000, ebenso die Zahl der Konkurse; die vorhin erwähntenjährlichen 8000 sind Ende des Jahrzehntes auf 800 reduziert. Die Sparkassen süllensich; der Verkehr und der Export steige», ist oft kaum mehr zu bewältigen. Der eng-lische Export z. B., der 1740 1780 stabil gewesen, steigt von 1780 1315 von 12auf 60 Mill. F; der zollvereinsländische war 18331840 von 430 auf 550 Mill. Mk.gewachsen, blieb dann 18401352 unverändert, stieg 1852 bis 1857 aufs Doppelte;der deutsche Import und Export stieg 18681372 von ca. 3000 auf 6000 Mill. Mk.,um dann wieder bis 1886 ziemlich unverändert zu bleiben; in der letzten Hausseperiode18951900 stieg er von 8200 auf 11 500. Der Glaube an die günstige Konjunktur, an dasweitere Steigen oder Festbleiben der Preise und der hohen Geschäftsgewinne wird umso allgemeiner, je länger keine Ernüchterung kommt; man fühlt sich in sicherer Vor-wärtsbewegung. Immer tritt mit der Zeit nun aber der schlimme Umstand ein, daßan die Stelle der führenden klaren Einsicht vage Gefühle, unklare Hoffnungen undTäuschungen treten. Statt zu merken, daß das Leihkapital erschöpft ist, daß die steigen-den Preise den Konsum da und dort schon beengen, hofft die Menge auf weiteresSteigen der Preise, der Aktienkurse, der Dividenden. Es wird weiter gegründet, derKredit dazu wird überspannt; die am raschesten vorangeschrittenen Industrien kommenbereits in die Lage, mehr anzubieten, als gesucht zu werden. Man zieht den aus-ländischen Kredit herbei, stapelt Waren künstlich auf, um die Preise zu halte». Weit-sichtige Kartellleitungen suchen in diesem Stadium bereits die Preise auf mittleremNiveau zu halten; die übrige Menge der Geschäftsleute will gewinnen, so lange es