Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
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Die Mitt?I der Krisenverhiiiderung.

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Während man früher die Krisen überhaupt nicht verstand, und auch lange im19. Jahrhundert sie falsch beurteilte, wird dies mehr und mehr anders. Wir verstehenjetzt ihre Ursachen; Staatsmänner, Politiker, Bank- und Kartellleiter, welche die wissen-schaftliche Litteratur kennen, werden heute jedes Herannahen einer Krise voraussehenkönnen; die Symptome der Hausse sind heute leicht zu verfolgen. Damit ist eine vielleichtere Bekämpfung der Übertreibungen gegeben. Die Statistik, der Nachrichtendienst,die Telegraphen vermitteln eine Übersicht, die srüher fehlte. Es wird so auch möglichwerden, das Anschwellen der optimistischen und pessimistischen Gefühle, welches die Be^wegungen und Krisen so sehr verstärkte, etwas leichter als früher zu bekämpfen.

Von dem heutigen Erwerbstrieb in seiner gesteigerten rücksichtslosen Bethätigunghaben wir oben schon gesprochen; wir haben zugegeben, daß er vielleicht da und dortnoch zunehme, aber geleugnet, daß er eine unveränderliche Potenz darstelle. SeineAusartungen in der Überspekulation, Übergründung, Preistreiberei, in Betrug, Schwindelund Wucher haben heute schon da und dort nachgelassen. Es gibt heute an den ver-schiedenen Centralplätzen des Handels, in den verschiedenen Schichten der Beteiligten,in den verschiedenen Börsen, kaufmännischen Zeitungen ein recht verfchicdencs Maß vonAnstand, Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Reellität. Sollte es unmöglich sein, das Guteweiter zu fördern, das Schlechte zu bekämpfen, da wo große Mißbräuche sich zeigen,durch die Einrichtungen, die an anderer Stelle das Gute gefördert haben. Ahnlichesherbeizuführen? Unfer ganzer Band hat fast Kapitel für Kapitel die einschlägigenFragen erörtert. Wir haben gesehen, wie man die unlautere Konkurrenz bekämpft, wieman die Börscneinrichtungen im Sinne des Anstandes zn bessern sucht, wie man die zuweit gehende wirtschaftliche Freiheit modifiziert. Wir haben gesehen, wie die großeReform des Notenbankwesens die Mißbrauche zu leichtsinnigen Kreditgebens einschränkte,wie von 1840 bis heute die Schaffung der großen Centralnotenbankcn und ihre tiefeinschneidende Diskontopolitik der falschen Hausse Zügel anlegte, die Krisen milderte.Wir sahen, wie die Mißbräuche der Bodenspekulation und der Hypothekenbanken zuReformen führte, die ähnlichen Schwindel in der Zukunft hindern sollen. Wir ließenoffen, ob die Geschäftsführung der Kredit- und Effektenbanken nicht auch künftig einerregelnden Gesetzgebung unterliegen werde; sie wird vielleicht das Depotwesen, den Accept-und Reportkredit gewissen Regeln unterstellen. Die Aktiengesetzgebung hat versucht, dieschlimmsten Gründungsmißbräuche zu hindern. Gewiß bleibt es immer fraglich, wieweit solche Reformen helfen. Wo alles innerlich faul ist, da werden sie nur äußerlichdie Formen ändern, da wird man alle Vorschriften zu umgehen wissen. Aber werwollte allgemein sagen, daß dem so in unseren Kulturstaaten sei? Man wird vielleichtbehaupten können, gerade mit steigendem Wohlstand wachse der Anstand und die Ehr-lichkeit in Handel und Wandel, wenn diese Eigenschaften nur in Sitte und Recht dienotwendigen Stützen und Hülfen bekommen. Auch das Steigen der Löhne, die Arbeiter-schutzgesetzgebung, unser Arbeiterversicherungs-, Gewerkschafts- und Genossenschaftswesenwie der Arbeitsnachweis, die Notstandsarbciten und Ähnliches greifen in dieses Gebiet,in den moralischen Geist unseres Geschäftslebens, wie in die Krisenwirkungen ties hin-ein. Sismondi hat, wie wir sahen, wesentlich die Arbeiterversicherung als Hülfe gegendie Krisen verlangt.

Eine Hauptursache für die ganze Art, wie Hausse, Krise und Baisse sich heuteabspielen, ist die Preisbewegung. Fast alle Schäden wären beseitigt, wenn die Preisesich stets normal, dem wirklichen Bedarf entsprechend bewegten, wenn sie nicht erst zuhoch stiegen, dann zu plötzlich sänken und zuletzt zu lange lethargisch tief blieben.Aller Schwindel, alle unreelle Gewinnsucht arbeitet mit künstlichen Preis- und Kurs-treibereien. Jede bessere Organisation des Marktes bezweckt richtigere Preisbildung, jedeMilderung der zu großen Preiswechsel mildert zugleich die Schäden der Krisen. Einrichtiger, billiger, gerechter Wert ist stets auch der beste Regulator des wirtschaftlichenLebens. Der falsche Wert führt irre, giebt die Möglichkeit zu Mißbrauch, zu Wucher undAusbeutung. Und werden wir nicht sagen können, daß da manches sich gebessert habe,wahrscheinlich noch mehr sich ändern werde?