Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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502 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. ^9<zy

bäuerlichen Schulden auf, verbot jede künftige Schuldknechtschaft, kaufte die in die Fremdewegen Schulden verkauften Bürger auf Staatskosten zurück. Die volle Rechtsgleichheitin Stadt und Land wurde hergestellt; jeder Bauer durste nun in Attika direkt klagen,brauchte es nicht mehr durch seinen Patron zu thun. Die Ämterzugäuglichkeit wurdean das nach Klassen abgestufte Vermögen geknüpft. Der bäuerliche Mittelstand (dieZeugiten mit 100 bis 150 Morgen) wurde in Athen zum Dienst der Schwerbewaffnetenverpflichtet; in ihrer Phalanx lag seit dem Zurücktreten des adeligen Reiterkampfes diemilitärische Macht des Staates.

Der Kultus wurde verstaatlicht. Die Bauerngottheiten, Dionys und Demeter,traten in den Vordergrund, in Attika Athena, die Pflegerin des Ölbaues und die Schützerindes Handwerkes. Fremde ließ man in Athen leichter als sonstwo zu; freie Bewegungfür jeden tüchtigen Mann war die Losung; aber die Gesetze stellten doch strenge Zuchtund Ehrbarkeit her, und die freie Ausfuhr wurde im Interesse der billigen Ernährungder Massen für alle Rohprodukte (außer Öl in Attika) untersagt. Die kühne Handels-und Kolonialpolitik, sowie große Tempel-, Wasserleitungs ic. Bauten, schufen Be-schäftigung und Verdienst, sowie für die Verarmten neues Land in den Kolonien; dieSchulen wurden allen zugänglich gemacht. Auch die Besitzlosen mußten in der Flottegegen Lohn oder Verpflegung dienen, sie erhielten dafür aber auch Stimmrecht in derVolksversammlung; den Reichen wurden steigende Lasten, die Schiffsgestellung, das Aus-richten von Festen und Ähnliches auferlegt. Das Recht wurde aufgezeichnet, nur diegeschriebenen Strafen durften verhängt werden. Das Gerichtswesen wurde vielfach ver-bessert. Der Friede wurde gesichert, die alte Blutrache zurückgedrängt.

Die Voraussetzung für all' diese Reformen war eine starke, kühn und energischgehandhabte Staatsgewalt. Die Monarchie der Tyrannis, überall als Gegner derAdelsherrschaft entstanden, besaß sie an sich; sie hob in Milet, Korinth, Athen zeitweise denStaat auf seine wirtschaftliche und politische Höhe. Aber sie konnte sich meist gegenüberdem Adel und der Volksgunst nicht befestigen. Wo der Freistaat blieb, half die zeit-weise, oft auf 10 Jahre übertragene Diktatur großer Gesetzgeber und dann die Aus-bildung des Amtswesens, die verbesserte Ämterordnung in den Händen einer immer nochgroßen Aristokratie. Die Besitzlosen waren noch nicht sehr zahlreich; die rechtliche Gleich-heit, wie sie Solon und Kleisthenes geschaffen, gaben dem Mittelstand die Entscheidung;Stadt und Land hielten sich noch die Wage; die Führung blieb den großen, dem socialen,demokratischen Fortschritt sich anschließenden Aristokraten wie Themistokles . Die letztenKonsequenzen des demokratischen Geistes waren noch nicht gezogen. Und so entsteht indem Athen von 590462 das von den edelsten Aristokraten geleitete, aber doch ganz demo-kratische Gemeinwesen, das die materielle Voraussetzung für das griechische, damals sichbildende Staatsideal wurde. Äschylos feiert den Staat als den Inbegriff aller Sitt-lichkeit; alle Bürger sollen im Staatsgefühl, im Leben für den Staat aufgehen; der Staatsoll feine Thätigkeit auf alle Gebiete erstrecken; er kann es zunächst in dem kleinenStadtstaat, in diesem attischen Kantonstaat, der noch als der gottesfürchtigste allergriechischen Staaten gefeiert wurde, in dem Solon und Kleisthenes den socialen Friedenhergestellt, Peisistratos den Bauernstand geschützt hatte. Themistokles und Aristides hatten die Flotte, die Seemacht und den von Athen beherrschten Delischen Bund ge-schaffen, woran sich ein beispielloser wirtschaftlicher Aufschwung knüpfte; er gab derrasch zunehmenden Bevölkerung, vor allem der städtischen, reiche lohnende Beschäftigung.

Dieses Gleichgewicht der Stände, diese höchste wirtschaftliche Blüte, diese Erhaltungder Zucht, der Einsicht, der Herrschaft der Fähigsten in dem demokratischen Gemeinwesen,konnte sich jedoch nicht allzu lange erhalten. Themistokles, der die Größe Athens begründet,der einzige, der den Seebund zu einer dauernden Großmacht erheben konnte, wurde 469verbannt. Die Leidenschaft für Freiheit und Individualismus steigerte sich , die Geld-wirtschaft siegte und schuf rafch die größten Vermögensunterschiede; die große Sklaven-einfuhr erzeugte Großbetriebe, Sklavenherden in den Händen einzelner. Die Volksmengewurde ärmer und begehrlicher, die bewegliche Stadtbevölkerung entschied allein in derVolksversammlung. Hatte man früher schon das 10 jährige Archontenamt einjährig, die