Uni I
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Amtszeit der Ratsabteilungen 35 tägig gemacht, einen steigenden Teil der Ämter durchdas Los besetzt, statt eines Feldherrn 10 gewählt, die täglich miteinander wechselten,den Vermögenszensus als Bedingung bestimmter Ämter mehr und mehr herabgesetzt, jabeseitigt, jeden nur zweimal zu den Ämtern zugelassen, damit möglichst jeder Bürgerdaran käme, so schuf man jetzt immer größere Richter- und Beamtenkollegien, so daßTausende jährlich amtierten, einen großen Teil des Jahres Amtsgeschäfte versahen. Mangab ihnen nun Tagegelder (461), beseitigte den Areopag als höchsten Gerichtshof, derallein noch lebenslänglich war. Die öffentlichen Feste vermehrte man, zahlte auch fürihren Besuch Schaugelder, von denen der arme Mann an diesem Tag leben konnte. Esgab nun, seit Perikles die Volksversammlung leitete, keinen wirklichen dauerndenRegicrungsapparat mehr, sondern nur noch die Autorität der Volksversammlung. Wennzwei Volksführer um ihre Gunst stritten, wurde der eine durch ein Scherbengericht ver-bannt, damit dem Sieger die Leitung allein zufalle. Perikles , aus dem Königsgeschlechtder Alkmänoiden, verstand es, sie jahrelang unumschränkt zn beherrschen. Der Demagogwurde so zum Tyrannen, aber um den Preis täglicher Beseitigung durch irgend eineVolksleidenschast,
Dieser attische Demos, etwa 150 000 Seelen, 30 000 Bürger stark, von denensicher 10 — 12 000 Ämter bekleideten, deren weitaus größere Hälfte in der Stadt lebte,war gegenüber seinen 100 000 Sklaven und der 10—30sachen Zahl der beherrschtenund ausgebeuteten Bundesgenossen immer noch eine Art Aristokratie; er stand auf hoherStufe der Begabung; er war für eine kühne Eroberungspolitik, für eine imperialistischeHandelspolitik. So lange Perikles mit seinen Kriegen und Friedensschlüssen Glück hatte,folgte er seiner Leitung. Als aber Perikles starb, die sizilische Expedition scheiterte.Athen im peloponncsischen Kriege erlag, da war es um die Macht und die wirtschaftlicheBlüte des Staates geschehen. Oligarchie und Demokratie bekämpften sich hier nun so ge-hässig und maßlos wie anderwärts in Griechenland , bis die makedonische Herrschaft undspäter die römische diesen entsetzlichen socialen Kämpfen ein Ende machte.
Der Gegensatz von Reich und Arm hat von 400 v. Chr. an bis zur römischendefinitiven Unterwerfung (147—146) immer mehr in fast ganz Griechenland zugenommen.Die sociale Revolution war durch die Gehässigkeit der Spannung gleichsam in Perma-nenz erklärt. Schon die socialen Umwälzungen in Korkyra 427, in Leontini 422, inSamos 402, in Ägos 370 waren mit solchen Massenmorden verknüpft, daß ein be-friedeter Zustand nicht mehr daraus hervorgehen konnte. Immer wieder werden gewalt-same Schuldkassicrungen und Neuverteilungen alles Landes versucht; Staatsstreiche findenzu Hunderten statt. Das Land verarmt dabei, die Bevölkerung geht zurück; der Besitzhäuft sich noch mehr in wenigen Händen an. Die Beraubten und Verbannten bedrohenimmer wieder die gewaltsame Neuordnung, die schon an sich allen Kredit, allen Verkehrvernichtet, dem Proletariat Augenblicksgewinne bringt, die es aber moralisch noch tieserherabzieht. Selbst die bestgemeinten socialen Umgestaltungen, wie in Sparta durch Agisund Kleomenes, mußten scheitern. Alle großen Denker, Sokrates, Plato, Aristoteles ,klagen gleichmäßig die Pöbelherrschaft an. Socialistische Pläne aller Art durchfchwirrendie Luft. Was allein hätte helfen können: eine feste, starke, gerechte Regierung, warweder mit den Reichen noch mit den Armen herzustellen. Nur die Fremdherrschaft, diedarum ein Polybios als das einzige Heil für Griechenland erklärte, konnte helfen. Inden neuen hellenistischen, absoluten Großstaaten, die Alexander und seine Nachsolgerbegründeten, erblühte griechisches Leben und griechische Kultur nochmals, zumal inÄgypten , wo die althergebrachte Königsmacht mit ihrem arbeitsamen Beamtentum dieVorbedingung für jede wirtschaftliche Blüte und jede fociale Verbesserung darbot —eine feste, einigermaßen über den Klassen und Parteien stehende Regierungsgewalt.
247. Die römische Socialgeschichte hat äußerlich manche Ähnlichkeit mitder griechischen, aber sie ist innerlich doch weit von ihr geschieden. Das kleine römischeGemeinwesen des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr. (noch 392 v. Chr. nicht größer als30 Geviertmeilen mit 150 000 Bürgern) war ein bäuerlich-kriegerischer Staat, der sichfrühe durch den starken formalen Rechtssinn, durch die schlichte Ehrfurcht vor seinen