973)
Großgrundbesitz, hoher und niederer Adel im Mittelalter.
515
Diener zu stellen hatten; in vielen Dörfern saßen mehrere Reitersfamilien; mancheübernahmen daneben Meier- und andere Beamtenstellen mit gewissen Gefallen. ImLaufe des 11. und 12. Jahrhunderts werden die Reiterlehen auch erblich; aber dieRitter sind noch im 12. und 13. Jahrhundert nicht überall ein geschlossener Stand,wenn auch eine solche Tendenz vorhanden ist, von einzelnen Fürsten gefördert wird;Hörige treten noch lange in denselben ein; Ritter heiraten noch Bauerntöchter; noch giltder Grundsatz, daß wer morgens zu ackern geht, nachmittags zu Turnieren reiten mag;städtische Bürgersöhne sind zahlreich unter ihnen. Erst von 1300 an werden die Ritterdefinitiv ein erblicher Stand, rücken wesentlich über die Bauern empor, werden alsniederer Adel behandelt, heiraten nur noch unter sich, pochen auf ihre Lehen , suchenihre Lehenspflichten einzuschränken. An Zahl im 14. und 1ö. Jahrhundert noch zu-nehmend, verlieren sie im Westen und Süden Deutschlands schon damals ihren eigent-lichen Lebenszweck oder treten in Solddienst, viele verarmen, werden plündernde Wege-lagerer. Östlich der Elbe erhält sich der Ritter viel länger in seinem Berufe, er hathier von Anfang an etwas größeren Besitz bis zu 10 und mehr Hufen, sängt im 15. Jahr-hundert schon an, Landwirt und Krautjunker zu werden, was dem Westdeutschen in denalten dichtbesetzten Kulturgebieten aus Standesgefühlen heraus und aus Platzmangelnicht recht möglich ist. Die Ritter waren so 800—1250 eine nicht sehr weit an Besitz,Wohl aber an Ehre über den Bauernstand emporragende Berussklasse; ihre Standcsehre,ihr erblicher Besitz hob sie dann 1150—1500 zu einer Klasse, der des Kleinadels empor;zugleich aber nahm ihnen das aufkommende Söldnertum ihren Beruf. Sie mußten sichdem Staats- und Heeresdienst zuwenden, soweit ihnen nicht die feudale Lokalverwaltung,ihre Gefälle oder ihre eigene Landwirtschaft einen Lebensinhalt und -unterhalt gaben. Vieleverkamen bereits 1400—1600. Ein erheblicher Teil erhielt sich bis in die neueste Zeit.
In ähnlicher Weise wie der bloße Reiterdienst hat der Haus-, Hof- und Beamten-dienst vom 10.—13. Jahrhundert eine große Anzahl unfreie, abhängige, aber fähigeLeute um Könige und hohen Adel in Deutschland gesammelt: die Ministerialen.Sie stellen die Anfänge eines brauchbaren, feudalen Beamtenstandes in der Zeit dar,in welcher die freien Lehensbeamten bereits unbotmäßig, zu selbständig waren. DieMinisterialen verschmelzen aber im 13.—14. Jahrhundert, ebenfalls mit Ritterlehenausgestattet, mit dem übrigen Ritterstand, werden wie dieser ein Besitzstand, bilden einenTeil des niederen Adels. Die auf Zeit angestellten, absetzbaren, mit Naturalien undGeld bezahlten Beamten treten vom 14.—16. Jahrhundert an ihre Stelle.
Königtum, Fürstentum, hoher weltlicher und geistlicher Adel, Rittertum undniederer Adel, abhängige Bauernschaft bilden im hohen Mittelalter eine hierarchischeKette von Gesellschaftskreisen; jeder abhängig von dem höheren, alle verbunden durchGrundbesitzverleihung, sowie durch Amts- und Dienstpflichten, vor allem durch den ein-heitlichen christlichen Kirchenglauben. Das Feudalsystem ruht so auf dem Lehens- undHosrecht; es ist eine sociale Lebensform, die der damaligen geistig-sittlichen Ausbildungder Menschen, ihren wirtschaftlichen Verhältnissen, dem politischen Zweck der Gesellschaftentspricht. Kirchlicher und sittlicher Horizont ist bei hoch und niedrig derselbe; die oberenKlassen verfolgen mehr Machtzwecke als Besitzerwerb; oft roh und brutal, sind sie nichtvon der Art der Habsucht erfüllt wie später die führenden Klassen der Geldwirtschaft;im äußeren wirtschaftlichen Leben unterscheidet sich lange Ritter und Bauer nicht fehr;beide können weder lesen noch schreiben; die bestehende Klassenabstufung wird als göttlicheEinrichtung ertragen, durch mannigfache Patriarchalische Beziehungen erträglich gemacht.Erst als die mittleren Glieder (mit der Erblichkeit der Lehen und der Ämter) den oberenden Gehorsam versagten, als die oberen Schichten auf die unteren, die Bauern im14.—15. Jahrhundert härter zu drücken begannen, verwandelte sich die feudale Monarchiein feudale Anarchie; es entstand eine Summe kleiner, unkontrollierter örtlicher Despotien.Die neue Monarchie vom 14.—18. Jahrhundert mußte sie zu unterdrücken, den Bauern-stand zu schützen suchen. Wir kommen darauf zurück.
Die Städte (vergl. über ihre Entstehung I Z 97) entstanden im 10.—13. Jahr-hundert aus der Bevölkerung des Platten Landes; persönliche Freiheit und der neue
33«