518 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. ^97l>
oben bleibt, ist von da an eine zunehmend engbrüstige und geldgierige Oligarchieherrschend.
Das ganze Jahrhundert der sogenannten Zunftrevolutionen ist übrigens kein solcheseines großen Klassenkampfes, sondern das Verlangen eines erstarkten gewerblichen Mittel-standes, in der Stadt mitzuregieren, einige kleine Verwaltungsmißbräuche abzustellen;Geschlechter und Zünstler haben beide reiche Leute unter sich, denken über Kirche,Eigentum, Arbeitsvcrfassung kaum principiell verschieden. Die Menge der unterhalb derZünste Stehenden klagt von 1350—1500 ebenso über das egoistische Zunftregimentwie die Zünfte vorher über das Patrizierregiment. Wenn eine Staatsgewalt diePatrizier und Zünftler in Deutschland versöhnt und für größere Zwecke erzogen hätte,würde das tiefe Herabsinken der Städte sür mehrere Jahrhunderte haben verhindert werdenkönnen. Die Teilnahme der Städte an den ständischen Verhandlungen der Territorial-staaten von 1400—1700 hat Wohl da und dort einiges gebessert. Im ganzen blieb esin den deutschen Städten traurig, bis der fortschrittlichste Staat, nämlich Preußen ,den Augiasstall der oligarchischen Stadtverwaltung von 1700—1800 ausmistete, Ord-nung und Ehrlichkeit wieder herstellte und dann aus dieser Grundlage es möglichmachte, daß Stein die Städteordnung von 1808 durchsetzte.
Die von neueren Socialisten auch zu einem proletarischen Klassenkampf aufgebauschteGesellenbewegung, die von 1300—1600 dazu führte, daß die Gesellenbruderschaften an-erkannt, diese oder jene Lohnforderung gebilligt wurde, war mehr ein Streit der Altenund Jungen innerhalb derselben Klasse um die Detailfragen der Arbeitszeit, um dieGüte der Mahlzeiten, um Kneiperei und Verrufserklärung, um Ceremonien und Vereins-justiz. Verheiratete Gesellen wurden ja im ganzen grundsätzlich in den Bruderschaftennicht geduldet. Fast mit demselben Rechte könnte man die Streitigkeiten über Schüler-und Studentenverbindungen als Klassenkämpfe bezeichnen. Nur wo ein verheirateterLohnarbeiterstand sich bildete, wie bei den Webern, den Salinen- und Bergarbeitern,wurden deren Bruderschaften zu einem Element beginnender Klasscnkämpfe.
249. Die neuere Klassengeschichte bis ins 19. Jahrhundert.Königtum und Land stände. Ritterschaft und Bauern. Die Zeit von1400 an charakterisiert sich als die der Auflösung der alten Rechts- und Wirtschafts-formen: die römische Kirche entartet, das Feudalwesen (Grundherrschaft, Ritterdienst,Lehenswesen, erbliches Lehensamt) ist nirgends mehr recht fähig, seinen Dienst zu thun.Die Geldwirtschaft, der Handel, das städtische Gewerbe nehmen zu; der überall ein-dringende Kredit löst die alten Zustände und Formen auf; die stark wachsende Be-völkerung hat nicht mehr Platz im Rahmen der alten wirtschaftlichen Verfassung. Dasalte Recht, die alten Sitten passen nirgends mehr. Der Humanismus, die wiedererwachende Philosophie und die Naturwissenschaften, der Individualismus und Ratio-nalismus dringen vor, gestalten um, wollen neue Ideale predigen. Eine steigendeSumme innerer Reibungen (zwischen Stadt und Land, Patrizier und Handwerker, Grund-herren und Bauern) und äußerer Kämpfe (zwischen Territorien und bald auch zwischenStaaten) um geographische Ausdehnung, um Absatz, um Welthandel und Kolonialbesitzdrängt aus Verstärkung der herrschenden staatlichen Gewalten. Man versucht denneuen Zeitbedürfnissen zunächst in den kompliziert sich ausbildenden Stadtverfassungen(1390—1600), bald aber energischer in den neuen fürstlichen Staaten (1400-1800)gerecht zu werden. Die italienischen Tyrannen, die patriarchisch-ständischen deutschenFürsten, Ferdinand von Arragona, das Haus Habsburg in Osterreich und Spanien ,die Tudors und Cromwell in England, die Oranier in Holland, die großen französischen Könige, Kardinäle und Minister von Ludwig XI. bis Ludwig XIV. , nachher die Hohen-zollern in Brandenburg-Preußen begründen die neuen Territorial- und Nationalstaatenmit ihrer starken Fürstengewalt, ihren Geldsteuern und Schulden, ihren Beamten,Heeren, Flotten und beherrschten Kolonien (vergl. I § 39 und § 106). Es ist die Zeitdes Merkantilismus, des aufgeklärten Despotismus, die Epoche, in der zum erstenmalder Versuch gemacht wird, große Staaten mit 2—25 Millionen Menschen zu einemWirtschastsganzen zu machen, sie durch inneren Verkehr, Arbeitsteilung, Polizei, Wirt-