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Gejamtresultat der neueren socialen Agrarcntwickelung.
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vollendet ist; er geht täglich mit der Industrialisierung der Landwirtschaft weiter;wir kommen gleich darauf. Zunächst haben wir zu fragen, was das Ergebnis von 1500bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war.
Wir sehen auf der einen Seite gewisse einheitliche Ursachen und Folgen, auf deranderen sehen wir doch eine recht verschiedene sociale Schichtung entstehen, die nicht bloßFolge der älteren mittelalterlichen Verschiedenheit der Agrarverfassung und Social-gliederung ist. Ich möchte das Einheitliche so formulieren: nicht das Kapital an sich,sondern die Geld-, Absatz-, Verkehrs-, Kreditwirtschaft mußte die feudale mittelalterliche,naturalwirtschaftliche Verfassung mit ihrer Eigenwirtschaft auslösen, auf freies Eigentum,freie Arbeit, intensivere Betriebssysteme, Einfügung der agrarischen Betriebe in dienationale und weltwirtschaftliche Arbeitsteilung hinführen; eine neue Agrarverfassung,eine neue ländliche Arbeitsverfassung mußte damit entstehen wie eine neue socialeSchichtung der ländlichen Bevölkerung. Und überall wurde diese neue Schichtung— schon weil sie die ältere und breitere gegenüber der industriellen war — auch vonEinfluß auf diese und die ganze Gesellschaft (vergl. I S. 377 oben).
Das Abweichende in den einzelnen Staaten ist nun, daß zwar alle die dreisocialen Schichten, die der großen Grundbesitzer und Pächter, die der Bauern und dieder Tagelöhner, sich mehr oder weniger allerwarts erhalten, aber in so verschiedenerZahlenproportion und mit so verschiedenen wirtschaftlichen und technischen Eigenschaften,mit so gänzlich verschiedener socialer Physiognomie, daß das Gesamtbild des ländlichenund damit des ganzen socialen Aufbaues in den verschiedenen Ländern ein so ab-weichendes geworden ist. Der große Umbildungsprozeß hat hier die eine dort die andereder drei Schichten emporgehoben oder niedergedrückt; die Rückwirkung einer günstigenoder ungünstigen Gesamtlage der Volkswirtschaft, der Einfluß aller auf geistige undwirtschaftliche Erziehung der betreffenden Klassen wirkenden Ursachen, vor allem aberdie verschiedene politische und finanzielle Verfassung des Landes — monarchischeSocialpolitik oder ständisch - seudale, kapitalistische Klassenherrschaft, liberales laisssst'glrs —, sie haben die verschiedene Wendung herbeigeführt. Je ungünstiger die ge-samte wirtschaftliche Entwickelung eines Landes war, desto weniger konnte ohne staatlicheEingriffe und Hülfe der Bauernstand sich erhalten, sich aus der alten in die neue Ver-fassung zeitig und gesund umbilden. Feudal-ständische Klassenherrschaft hat da unddort schlimm gewirkt (so in Ostdeutschland 1550 bis 1750, resp, bis 1850), aber an anderenStellen tat es die freie kapitalistische Entwickelung nicht minder (so in Italien , inEngland). Despotischer Fiskalismus hat in Frankreich (1680—1789) wie in Rußland (1597—1900) sast schwerer auf dem Bauern gelastet wie der Feudalismus . Wo einerasche ländliche Bevölkerungszunahme stattfand (wie in Irland 1700—1840, in Ruß-land 1600—1860, in Deutschland 1315 — 60), hat sie mannigfach die Lage der Bauernund Tagelöhner verschlechtert; aber auch der Menschenmangel hat da und dort (1550bis 1300) zur Verschlechterung der Rechtslage, zur Fesselung an den Boden geführt.Wo die ländliche Bevölkerung rasch wuchs, da war die große Frage, ob innere Koloni-sation noch möglich sei (wie in Preußen 1713—1786), ob eine starke Auswanderungsich bilde (wie in Irland von 1840 an, in Südwestdeutschland 1830—60), ob dieBevölkerungsüberschüsse in den Städten und im Gewerbe Verwendung finden, ob dieGüterzerschlagung durch Hausindustrie erträglich werde, oder ob mit der Verkleinerungder Güter und Pachtungen ein lebensunfähiges, hungriges Zwergbauerntum entstehe;endlich ob der Bevölkerungsüberschuß, der mit Lohnarbeit auf dem Lande bleibt, ineine gesunde oder eine ungesunde Arbeitsverfassung komme. Auch für die letztere Fragewar es von Bedeutung, ob man die Dinge sich selbst überließ, oder ob schon die Au-fänge einer zielbewußten Arbeiterpolitik der Regierung vorhanden war (vergl. oben II§ 206 S. 275 unten).
Zeigt sich äußerlich der Unterschied der socialen agrarischen Schichtung in deneinzelnen Gebieten an dem Prozentverhältnis der Personenzahl und des innegehabtenGrundbesitzes zwischen den drei heutigen Hauptschichten (Großgrundbesitzer und Groß-pächter, Mittelschicht, d. h. Pächter, Groß-, Mittel- und Kleinbauern, ländliche Arbeiter
Schi» oll er, Grundriß der Volkswirtichastslehre, II. l.—k. Aufl. 34