Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
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Viertes Buch. Die Entwickelung des voltswirtschaftlichen Lebens im ganzen.

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Aufsteigen, wenn auch aus vielen Quer- und Zickzackwegen, unterstützten, weil sie ihrNachdenken förderten, ihren Wissenstrieb hoben, ihren Zusammenschluß und ihre Disci-plinierung erleichterten. Zu einem abschließenden Urteil über die Socialdemokratiekommen wir weiter unten (S. 553 ff.).

Hier ist nur noch zu betonen, daß so in der Gegenwart fast wichtiger als dieExistenz der Unternehmer- und der gewerblichen Lohnarbeiterklasse die Art ihrerOrganisation in Korporationen, Fachvereinen, politischen Parteien und die Art desGeistes ist, der in diesen Verbänden waltet. Dies gilt vor allem von dem Geiste derdeutschen socialdemokratischen Organisation. Sie ist durch ihre führenden Elemente,ihre philosophischen Überzeugungen, sowie durch die Taktik, die freilich wesentlich mitdurch die Unterdrückungsversuche ihrer Gegner bedingt war, eine alles beherrschendeWeltanschauung, eine Art Religion geworden. Es entspricht das auch dem Bildungs-,Gefühls-, Jdeenniveau der unteren Klassen. Die socialdemokratische Lehre hat dieBekenner erfaßt, wie es früher nur eine neue Religion that; sie hat etwas wie denfrüheren Religionsglauben und Religionshaß erzeugt. Erst ein hohes Bildungsniveauhat Kulturgemeinschast und politisches Zusammenwirken mit Andersgläubigen ermög-licht; dem fanatisierten Socialdemokraten erscheint leicht schon jede gesellige Berührung mitAndersdenkenden als falsch, als sittlich unstatthaft. Zu strammer Centralisation undDisciplinierung neigen die Menschen einer solchen Kulturstufe an sich; die Führer habenes verstanden, diese Tendenzen aufs schroffste auszubilden, damit zugleich den Haß, denKampfgedanken zu schüren, jedes Verhandeln als Verrat erscheinen zu lassen. Hierliegt wie schon erwähnt die Hauptgefahr der Partei für das Gesamtwohl, dieHauptschwierigkeit für Kompromisse, Annäherungen, Versöhnung.

Im übrigen ist nicht zu vergessen, daß nur ein kleiner Kern der Socialdemokratenauf diesem Boden steht, daß die steigende wissenschaftliche Bildung der jungen Führerihn immer mehr beseitigt, daß die Arbeiterwelt immer mehr in eine Reihe verschiedenerSchichten zerfällt, die teilweise sich bereits gesondert organisiert haben (oben IIS. 294400),teils innerhalb der Socialdemokratie in dem Maße eine Sonderstellung einnehmen, wiesie selbst größer wird. Die Oberschichte der Werkmeister, der Commis, mancher hoch-bezahlter Arbeiter ist schon heute vielfach selbständig organisiert, die deutschen Buch-drucker gehorchen der politischen Parteileitung längst nicht mehr ganz. Alle GeWerk-Vereinsbildung fördert dic Selbständigkeit der Teile. Die nicht socialdemokratischenGewerkvereine werden jetzt (August 1903) wohl schon 7800 000 Mitglieder zählen.Die untere Schichte der ungelernten Arbeiter ist sast überall eine Welt sür sich, wie dieländlichen Arbeiter. Sie stimmen Wohl teilweise socialdemokratisch, wie es viele kleineBauern, Handwerker, Unterbeamte thun, aber sie sind keinezielbewußten Genossen".

So ist die Phrase, daß es heute nur ein einheitliches Proletariat gebe, so falsch,wie daß neben ihm nur die eine Klasse der Bourgeoisie übrig geblieben sei. Die Mehr-zahl unserer Gutsbesitzer und Bauern sind so wenig Bourgeois wie die große Mehrzahlunserer Handwerker und Kleinhändler. Wir haben von der verschiedenen Lebens- undKlassenstellung dieser Kreise schon gesprochen bei der Einkommensverteilung (II S. 426bis 429), brauchen das dort Gesagte nicht zu wiederholen. Es sei zu der Thatsache , daßwir heute etwa 3 Millionen socialdemokratischer Wähler haben, nur noch beigefügt, daßwir heute 12,5 Millionen wahlberechtigte Personen und etwa ebenso viele Familienväterhaben, daß von den 3 Millionen socialdemokratischer Stimmen vielleicht 2 MillionenArbeiter waren, während wir 45 Millionen verheirateter männlicher Arbeiter zählen.Wir fügen noch bei, daß wir oben ca. 500 000 Unternehmer (also Bourgeois einschließ-lich der Großgrundbesitzer) zählten, die zusammen mit den 3 Millionen socialdemokratischerStimmen erst 3,5 von 12,5 Millionen Wahlberechtigten ausmachen.

Das ist die Lehre, daß die Gesellschaft heute nur noch in Bourgeois und Proletarierzerfalle. Sie wird auch dadurch ganz adsuräura geführt, daß die höheren Gemeinde-und Staatsbeamten, die Unterbeamten und die rasch wachsenden Privatbeamten, sowiedie sämtlichen Vertreter der liberalen Berufe (vergl. die Zahlen II S. 429) eine der