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Zahl nach rasch wachsende, in ihrer ganzen socialen Stellung von den Unternehmern undden Arbeitern sich stark abhebende Klasse sind.
Das Beamtentum war in der Zeit des absoluten Staates in Deutschland undVielfach auch anderwärts sogar eine herrschende Klasse; es hat diese Stellung heutenicht mehr; mit Recht hat das übrige Volk das Monopol der Klasse und die Sündender Bureaukratie bekämpft. Aber es ist heute noch in vielen Staaten eine wichtige, jasür die Staatsleitung die wichtigste Klasse, besonders wo sie nicht in Abhängigkeit vonder Feudal- oder Geldaristokratie kam. Wir sprechen von ihren Eigenschaften und ihrerpolitischen Bedeutung noch im folgenden Paragraphen. Zusammen mit den Künstlern,Schriftstellern, Journalisten und mit den Privatbeamten werden sie in Deutschland baldeine Klasse oder eine Gruppe von Klassen bilden, die 2 Millionen erreicht, die wirt-schaftlich zwischen Bourgeois und Arbeitern steht, mit den ersteren die höhere Bildung,mit den letzteren das Leben von Gehalt und Arbeitsverdienst gemein hat-
Sie haben den Vorzug, sich aus den Talenten aller Klassen, mehr als dieBourgeoisie, zu ergänzen; ihr geistiger Horizont und ihre sittlichen Traditionen sind diedes Mittelstandes; sie können in den Klassenkämpfen ein Gegengewicht nach oben undunten bilden, nach beiden Seiten Brücke und Vermittelung darstellen. Das Privat-beamtentum ist, wie wir schon sahen (oben II S. 278—79, I S. 436—37), ein Elementsteigender Bedeutung für die Leitung der großen Unternehmungen. Es ist eine Klasse,die selbst um gesichertere Lage, besseres Einkommen, höhere Ehre kämpft. Und dochwird sie nicht leicht ganz mit der Arbeiterschaft sich identifizieren. Alle diese Dingemuß man im Auge behalten, wenn man die heutige Klassenschichtung, hier zunächst vorallem die deutsche, richtig beurteilen will.
Die deutsche sociale und politische Entwickelung von 1850 bis zurGegenwart wird im ganzen vor allem dadurch charakterisiert, daß zwei große Be-wegungen, die in anderen Staaten 50, 100 und mehr Jahre zeitlich getrennt waren,bei uns zusammenfielen, aber jede für sich selbständig, ohne gegenseitiges Verständnis,nebeneinander hergingen.
Die politische Geschichte Deutschlands brachte es mit sich, daß die deutsche Einheiterst 1866—70 hergestellt wurde. Es war überwiegend das Werk der Monarchie, desHeeres, des Beamtentums, der Elemente, die sich in Preußen auf den monarchischgesinnten Kleinadel stützten, sowie der großen Männer, die Kaiser Wilhelm umgaben.Sowohl die Monarchie als die konservativen Kräfte wurden dadurch außerordentlichverstärkt, Parlament, Bourgeoisie, Unternehmertum, Demokratie eher zurückgedrängt,obwohl man ihnen einige erhebliche Konzessionen machte. Ein wirtschaftlicher undpolitischer Aufschwung ohne gleichen war die Folge der Reichsgründung, des BismarckschenRegiments.
Die überrasche wirtschaftliche Entwickelung erzeugte unter dem Einfluß der obenberührten Ursachen zu gleicher Zeit die Partei der Socialdemokratie, welche, geblendetdurch theoretische, auf ausländischem, ganz anderem Boden gewachsenen Ideale, für diehistorische Größe und Leistung Kaiser Wilhelms und Bismarcks keinen Sinn und keinVerständnis haben konnte; die unteren Klassen, bisher dem politischen Leben fremd,sahen nur in extremer Demokratisierung des Staates und Socialisierung der eben nochkleinbürgerlichen und dann manchesterlich geleiteten Volkswirtschaft das Heil.
Die zwei denkbar verschiedensten Geistesrichtungen stellten sich so nebeneinander;ihre Annäherung ist schwer, hat noch nicht viel Fortschritte gemacht. Immer ist schondamit viel gewonnen, daß es nicht zum Kampf, zum Aufstand, zur Gewalt kam.Europa und Deutschland haben von 1789—1850 mancherlei blutige sociale Kämpfegehabt; seither kaum mehr. Darin liegt eine Wahrscheinlichkeit, daß das Ventil deröffentlichen Meinungskämpfe, die Wahlschlachten ausreichen, um den Frieden zu erhalten,nach und nach eine Annäherung zu ermöglichen. Wie einst der preußische Militärstaatund die große deutsche Litteratur sich lange unverstanden gegenüberstanden und dochzuletzt sich verschmolzen, so ist auch hier eine Versöhnung denkbar.