Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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542 Biertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen.

Wir kommen darauf zurück, nachdem wir zuerst versucht haben werden, dasGcsamtresultat unserer historischen Betrachtungen zu ziehen.

251. Resultate: Die Klassenkämpfe, die Klassenherrschaft undderen Überwindung. Die Klassengegensätze, die Klassenkämpfe, die Klassenherrschafthängen in jedem Staate und in jeder Zeit ab 1. von dem Maße der Einheitlichkeitoder Verschiedenheit der Bürger; diese sind durch Rasse, Berufsteilung, Einkommens-und Eigentumsverteilung, geistige und religiöse Kultur bedingt; 2. von der Art derSonderung und eigentümlichen Organisation der Klassen; 3. von der Kraft undOrganisation der Staatsregierung, welche die Einheit und den Frieden der Gesellschaftvertritt. Jede größere Gesellschaft zeigt historisch das Bild eines socialen Differenzierungs-prozesses, dem aber die Einheit der Abstammung, der Sprache, des Blutes, dann dieEinheit der Gesittung, der Religion, der gesamten Bildungselemente, zuletzt die Einheitdes Rechtes, der Institution, der Staatsgewalt entgegenwirkt. Jeder thatsächlicheZustand ist eine Diagonale dieser zwei entgegenwirkenden Ursachenreihen.

Je kleiner, primitiver, roher die gesellschaftlichen Körper sind, desto geringereKlassengegensätze sind vorhanden. Große, alte Kulturvölker haben stets erheblicheKlassengegensätze; sie wachsen vor allem mit den großen volkswirtschaftlichen Fort-schritten; die siegende Geld- und Unternehmerwirtschaft hat sie ani meisten gesteigert undzu Klassenkämpfen geführt. Und das Entscheidende dabei war stets, daß zu denwachsenden wirtschaftlichen Gegensätzen die Auflösung der bestehenden älteren geistig-moralischen und religiösen Einheit des Volkes kam; die oberen aussteigenden Klassennahmen in diesen Zeiten im ganzen mehr an Intellekt und technisch-wirtschaftlicherFähigkeit als an socialen und politischen Tugenden zu; die unteren blieben leicht inVerstandesbildung und wirtschaftlich-technischen Eigenschaften zurück, verloren einen Teilihrer alten Tugenden (Treue, Gehorsam, Genügsamkeit), ohne sofort den Ersatz in anderenhöheren Eigenschaften zu erhalten. Die Wiedergewinnung von einigenden oberstenIdealen der Moral und der Gefellschaftsverfassung war in solcher Zeit der Auslösungder alten Gesellschaftsverfassung und Rcligionsvorstellungen schwer, oft gar nicht, oft erstnach längeren Kämpfen und Irrungen möglich.

Das Maß der Klassengegensätze, der Klassenkämpfe, der Klassenherrschaft ist injedem Volke je nach den eben angegebenen Ursachen ein recht verschiedenes. Verständigenwir uns zunächst über die Natur der Klassenkämpfe, dann über die der Klassenherrschaft,zuletzt über die ihr entgegenwirkende Rechts- und Verfassungsentwickelung, sowie überdie Entscheidung der Klassenkämpfe.

a) Wo es verschiedene Klassen giebt, haben sie einerseits verschiedene, getrennte,ja entgegengesetzte Interessen, andererseits aber auch gemeinsame; die ersteren sind über-wiegend äußerer, praktischer und wirtschaftlicher Art, sind auf die nächsten Ziele gerichtet,die letzteren sind mehr idealer und geistiger Art, sind auf die Gefamtzwecke der Gesell-schaft, des Staates und die Zukunft gerichtet. Die ersteren haben teilweise keine odereine mehr lose, nur unter bestimmten Umständen eine seste Organisation; die letzterenhaben in Sitte und Moral auch eine lose, aber in Staat und Kirche, in Recht undInstitutionen stets eine gewisse festgefügte Machtorganisation, die freilich zu verschiedenenZeiten eine sehr verschiedene Kraft besitzt. Je stärker die gemeinsamen Gefühle und diegroßen nationalen Zwecke hervortreten, je fester die staatliche Machtorganisation mit derZeit wird, desto mehr sind die gesonderten Klasseninteressen immer wieder genötigt, sichunterzuordnen, sich untereinander zu vertragen und zu versöhnen. In größern Staatenmit ausgeprägter Klassenbildung aber werden sie auch stets zeitweise sich geltend machenund zwar mit Recht, denn nur aus gewissen Reibungen und Kräftemessungen geht derFortschritt, der Sieg des Besseren hervor. Die ganze innere Entwickelung der Staatenberuht so auf dem Spannungsverhältnis, den Kämpfen und Friedensschlüssen der socialenKlassen, auf der Kunst und der Weitsicht der Regierung, auf der Kraft und Macht derführenden Geister, diese Friedensschlüsse herbeizuführen, dem Gesamtinteresse den Siegüber die getrennten Klasseninteressen zu verschaffen.

Die volkswirtschaftliche, fociale und staatliche Geschichte zerfällt demnach in