Allgemeines Wesen der Handelspolitik.
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sie wurde durch einen starken Export einzelner unmöglich. Später haben vor alleindie Städte und Stadtstaaten, dann die Territorien, erst bei hoher Kulturdie größeren Staaten und Staatenbünde Handelspolitik getrieben. Je kom-plizierter die Gemeinwesen wurden, desto mehr mußte die Handelspolitik in den Händender souveränen Gewalt liegen; der inoderne Staat muß der Stadt, der Provinz dieselbständigen Zwangsmaßnahmen der Handelspolitik verbieten. Aber er muß dulden,daß Städte, wirtschaftliche Vereine, Provinzen, Parteien für gewisse Zwecke der Handels-politik Propaganda machen, versuchen aus die staatliche Handelspolitik einzuwirken.
Jede menschliche Gemeinschaft, welche Handelspolitik treibt und damit das gesamtewirtschaftliche Gedeihen ihrer Glieder sördern will, ist einerseits beherrscht von dunklen,egoistisch-patriotischen Gemeinschaftsgefühlen, von dem Gedanken eines gemeinsamen Kampfesums Dasein, andererseits von der Einsicht in das zeitweise berechtigte Vorwalten be-stimmter Handels- und Produktionsinteressen, die heute anderen vorgezogen werden,zu anderer Zeit wieder hinter jene zurücktreten. Es handelt sich stets darum, diejeweilige richtige Diagonale der Interessen und Kräfte zu finden; es können die zeit-weiligen Interessen der Herrschenden den Ausschlag geben, die der Beherrschten, derunteren Klassen übersehen werden. Den reinen Handels- stellen sich bald die Pro-duktionsinteressen, die letzteren den Konsumenteninteressen, die industriellen den agrarischengegenüber. Es wird so immer leicht ein Kampf der Parteien um die jeweilige Handels-politik stattfinden. Nur erleuchtete, hochstehende Regierungen, die sich aus eine aus-gebildete, gut geleitete öffentliche Meinung und eine normale Staatsverfassung stützen,werden sicher die Wege richtiger Handelspolitik finden und verfolgen.
Alle Handelspolitik ist verknüpft mit der Ausbildung der politischen Körper, mitder ganzen Macht- und Staatsbildung der Stämme und Völker, hängt aufs engste mitden Rivalitätskämpfen der Staaten untereinander zusammen. Alle Fortschritte in derHandelspolitik knüpsen an die Fortschritte des Völkerrechts und der Bundes-, Staats-und Reichsverfassungen an. Darnach bestimmen sich die Mittel der Handelspolitik. DieVorstadien der Handelspolitik beginnen mit rohen Vernichtungskämpfen, mit Fremd-herrschaft, Vergewaltigung der Nachbarn; letztere geht dann langsam über zu demvölkerrechtlich geordneten friedlichen Verhältnis des Warenaustausches der Stämmeund Staaten.
Hiernach können wir uns den Entwickelungsgang der Handelspolitikvorstellen. Natürlich hat im Verhältnis der Stämme und Völker von den ältestenZeiten an der friedliche Austausch nie ganz gefehlt. Aber leicht überwog in den älterenrohen Zeiten ein solcher, der direkt oder indirekt mit Gewalt sich verband. Sceraub, Vieh- undMenschenraub haben lange sich mit ihm verknüpft. Der älteste Handel lag vielfach, und oitmonopolisiert, in den Händen von Häuptlingen und Fürsten , die oft mehr Tribut er-trotzen als tauschen wollten. Wo handelsbegabte Stämme ihre Fahrten zu Wasser undzu Lande in Form von Karawanen- und Schiffszügen ausdehnten, gründeten sieNiederlassungen und Burgen bei Nachbarn und in der Ferne, die oft zur Fremdherr-schaft, zur Unterwerfung ganzer Völker, zu ihrer wirtschaftlichen Ausbeutung, mindestenszu ihrer Schuldkncchtschaft führten. Wo schwächere Stämme in der Nachbarschaft besserenBoden, gute Salz- oder Erzlager, günstig gelegene Küsten, Handelswege oder -Plätzehatten, da suchte man sie zu vertreiben. Die politische Herrschaft über die wichtigstenMeere, Küsten, Inseln, Flüsse und Handelswege war stets ein wichtiges Stück deraktiven Handelspolitik, und ist es heute noch. Alle -Verschiedenheit in kriegerischerOrganisation, Zahl und Macht, in wirtschaftlicher Technik und Handelsgeschicklichkeithaben ältere Zeiten naiv, später verschleiert irgendwie erobernd, ausbeutend, durch alleMittel der kriegerischen wie der Handelspolitik wirtschaftlich auszunützen versucht. DieErwerbung von Ackerbau-, Plantagen-, Bergbau- und anderen Kolonien im Altertum,Mittelalter und der neueren Zeit war stets halb Handels-, halb Kriegs- und Erobe-rungssache und bedeutete stets Gewinnabsi^t und, wenn nicht Ausschließung allerKonkurrenten, so doch in erster Linie nationale Förderung.
Eine strenge Geschlossenheit für Ab- und Zuwanderung hatten die rohesten
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