Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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Preußens Centralisierung, Export- und Durchfuhrhandel.

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Vor allem aber hatte die Erwerbung Westpreußens, der sich der Erwerb Danzigs an-schließen sollte, und der Polen (19. März 1775) octroyierte Handelsvertrag den Zweck,durch das preußische Gebiet allen polnischen Handel zum Meere hin zu beherrschen. Allepolnisch-preußische Ein- und Aussuhr, welche die Waren in preußische Hände brachte,zahlte 2°/o, die bloße Durchfuhr durch Preußen erst 830, später 12,8, teilweise nochetwas weniger Prozente. Polnisches Getreide ließ man vielfach gar nicht herein. So-lange Polen als selbständiger, von den Großmächten abhängiger Staat bestand, war esso ein für Preußens Handel und Industrie wichtiger, ausgebeuteter Markt.

Neben dem preußischen Absatz nach dem Osten war übrigens auch der nach demWesten nicht unwichtig: Holz, Getreide, Leinwand ging in großen Mengen nach England und über England nach Spanien und den Kolonien. Immer aber ist der ganze Versuch,Preußens auswärtigen Handel zu stärken, auf zu große Schwierigkeiten, auf dienatürliche Handelseifersucht der Westmächte gestoßen; er wäre vielleicht besser geglückt,wenn der Große Kurfürst 1648 oder 1679 ganz Vorpommern und Stettin erworbenhätte; da der Staat durch Magdeburg, Halberstadt und Schlesien sich ganz nach deminneren Deutschland ausdehnte, mußte es statt einer See- und Handels- eine agrarisch-gewerbliche Landmacht werden, und Friedrich der Große hat daher mit Recht die Plänedes großen französischen Admirals De la Bourdonnaie, der in seiner Heimat mißhandelt,eine preußische Flotte schaffen wollte, zurückgewiesen. Im 18. Jahrhundert fand übrigensauch der preußische Jndustrieexport in Mitteleuropa wachsende Schwierigkeit durch diezunehmenden gewerblichen Schutzzölle in Österreich, Sachsen, Dänemark, Schweden undLüneburg-Hannover .

e. Die Pflege der eigenen Gewerbe, der eigenen Landwirtschaft, die Ausfüllungder Bevölkerungslücken, die Tendenz auf innere Arbeitsteilung und auf inneren Verkehrmußte so mehr und mehr von 16801806 der Mittelpunkt der preußischen Handels-politik werden. Der eigene Markt mußte der inländischen Produktion und den in-ländischen Händlern möglichst ausschließlich verschafft werden. Hier konnte man derüberlegenen auswärtigen Konkurrenz (auch bei geringerer politischer Macht, als die kon-kurrierenden Staaten sie besaßen) die Stirne bieten.

Die hierher gehörigen handelspolitischen Maßregeln würden in ihrer Entstehungund in ihrem Wirken viel deutlicher werden, wenn wir hier auch schildern könnten,welche Reste älterer Gewerbe vorhanden waren, wie eine zahlreiche verarmte Bevölkerungnach Arbeit und Brot verlangte, wie auf ganz Deutschland von 16501750 insteigendem Maße der schwere Druck der übermächtigen westeuropäischen Konkurrenzlastete, wie Preußen durch eine planvolle Hereinziehung auswärtiger höher stehenderwirtschaftlicher Elemente, hauptsächlich der französischen, der Pfälzer u. s. w. Kolonistenins Land sich die Möglichkeit großer technischer und organisatorischer Fortschritte schuf,wie der Staat im Inneren durch Regulierung der Hausindustrie, durch Gründung undUnterstützung größerer Privat- und Aktienbetriebe, durch staatliche Musterbetriebe allerArt, durch Errichtung von staatlichen Woll- und Seidenmagazinen, durch einen gewissenZwang für Kaufleute und Konsumenten zum Wareneinkauf die Industrie förderte. Aberwir müssen uns versagen, darauf einzugehen, so sehr gerade die richtige Jneinanderpassungdieser und der eigentlich handelspolitischen Maßregeln den Erfolg garantierte.

Die handelspolitische Hauptstreitfrage in den ostdeutschen Territorien von 1500bis 1700, die auf den Landtagen zwischen Ritterschaft und Städten aufs heftigste er-örtert wurde, war: soll die Regierung im Interesse der Getreide, Wolle, Vieh,Holz u. f. w. exportierenden Ritterschaft die fremden holländischen, englischen und sonstigenHändler und Faktore, die sog. Lieger, auch andere fremde Hausierer, die die Warender höheren Kultur billiger liefern als die Städte und die Rohprodukte dem Adel besserbezahlen, leicht zulassen, oder soll sie im Jnterresse der Städte ihr Hereinkommen er-schweren, den Adel auf die einheimischen städtischen Märkte verweisen, im Interesse derstädtischen Gewerbe den Export von Wolle, Häuten u. s. w. erschweren, im Interesse derstädtischen Nahrung, so oft die Preise steigen, die Ausfuhr von Getreide und anderenRohprodukten sperren?