Die Freihandelslehre A. Smiths. 6»?
wirtschaftliche, durch und durch individualistische Liberalismus von 1776—1880 forderte,stand in Einklang mit dieser Lehre.
Und doch war nicht schwer einzusehen, daß diese allgemeinste Freiheit des wirt-schaftlichen Handelns in Widerspruch mit Sitte, Recht, Strafrecht, allen staatlichenInstitutionen stand. A. Smith hatte deshalb ja auch seine Handelsfreiheit für soundurchsührbar erklärt, wie die Utopia des Thomas Morus . Seine Nachfolger aberwaren nicht so bescheiden.
Die neue Lehre fingiert eigentlich lauter gleiche Menschen und lauter wirtschaftlichgleich starke Staaten, die nur von Natur verschieden ausgestattet, ihre kleinen Über-schüssc tauschen sollten. A. Smith sprach von der Thorheit, durch Schutzzölle eineWeinproduktion in Schottland zu erzeugen. Ricardo wählte immer das Beispiel desVerkehrs von England mit Portugal und Polen . Aber waren diese Beispiele maß-gebend sür den Verkehr zwischen England mit Holland, Frankreich, Deutschland ? oderauch für den Verkehr mit Wilden und Barbaren, welche der Freihandel damals wieheute tötete. Und war denn der keineswegs ganz, sondern nur relativ freie VerkehrEnglands mit Portugal und Polen nicht auch, bei Lichte besehen, eine Niederhaltungund Ausbeutung dieser Agrargebiete, deren Naturprodukte man billig kaufte, um ihnenenglische Fabrikate möglichst teuer zu verkaufen? Smith sagt, der Schneider wird dochdie Stiefel nicht selbst machen, die er besser und billiger vom Schuster bekommt; undwas sür ihn, den Hausvater, richtig ist, muß es doch auch sür eine Nation sein. Ervergißt, daß der Schneider mit Recht nur an die Gegenwart denkt, eine Nation aberan die Zukunft; ein Schneider, der persönlich zugleich das Stiefelmachen lernen will,ist etwas gänzlich anderes, als eine Nation, die sich eine Eisenindustrie durch zeitweifeVerteuerung des Eisens erzieht, nach 3V—60 Jahren eine ebenbürtige Eisenindustriedurch den Schutzzoll erhalten kann. Und doch führen noch heute große deutscheGelehrte das Smithsche Schneiderlein, das schlechte Stiefel macht, mit sich aufs Kathederund erzielen damit Lach- und Beisallserfolge.
A. Smith und alle seine Nachfolger fehen nur die Individuen und die Welt-wirtschaft, sie übersehen die Staaten, ihre nationalen Interessen, ihre nationale Organi-sation, ihren nationalen Egoismus und dessen notwendige Folgen. Sie vergessen, daßunbedingt sreier Handel zwischen allen Ländern zwar den von Natur und historischerEntwickelung begünstigten steigenden Absatz und wachsende wirtschaftliche Blüte bringt,den ärmeren, von Natur vernachlässigten aber leicht ihre Gewerbe, ja unter Um-ständen einen Teil ihrer Bevölkerung entzieht. Das kann sich kein selbstbewußtes Volkgefallen lassen, ohne sich zu wehren. Der Trost, daß der Freihandel irgendwo sonstin der Welt eine billigere und bessere Produktion erzeuge, kann den benachteiligtenLändern nicht genügen.
Die ganze Lehre ist unhistorisch. A. Smith kannte nicht oder vergaß, durckwelche Mittel und Kämpse England groß und reich geworden war; er sah in demdamaligen Zustand der englischen produktiven Kräfte kein Werk politisch-staatlicher Er-ziehung, sondern ein solches der Natur. Und jeder staatliche Eingriff in die natürlicheGegebenheit erschien ihm falsch, verteuernd, auf dem Unverstand „der hinterhaltigenTiere beruhend, die man Staatsmänner nenne". Die Lehre ist von einem optimistischen,psychologisch unhaltbaren Glauben an die Harmonie aller Interessen er'üllt; nach ihr sinddie Individuen, die Klassen, die Staaten in ihrem Handeln von einer unsichtbarenhöheren Macht gelenkt, die alle Widersprüche ausgleicht, allen Verkehr aller Menschenzum Besten ausschlagen läßt. Für diesen Standpunkt giebt es keine Übervorteilung,keine Ausbeutung; jede Steigerung des Handels beruht auf richtiger Einsicht und bringtallen nur Vorteil.
So wahr die Lehre von der verbilligenden Wirkung der internationalen Teilungder Arbeit ist für gewisse große Verschiedenheiten der Länder in Klima, in teckin',und historischer Entwickelung, so wenig ist daneben zu leugnen, daß die meisten Länderdes gemäßigten Klimas für die gewöhnlichen Gewerbszweige ähnlich bekähigt sind undsie bei richtiger ökonomischer Erziehung erhalten können. Die internationale Teilung