Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
Seite
608
Einzelbild herunterladen
 

g»8 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. ^1066

der Arbeit ist nur soweit von Segen sür alle, als sie nicht die ärmeren zurückgebliebenenLänder in anormaler Abhängigkeit erhält, wie einst die Engländer von Hansen, Vene-tianern und Holländern in ihrer Schiffahrt und ihrem ganzen Handel gehalten wurden.

Es war daher ganz natürlich, daß in zwei von England in solcher Abhängigkeitgehaltenen Ländern, in den Vereinigten Staaten und Deutschland , ein Menschenalternach A. Smith eine neue ebenbürtige Theorie des Schutzzolls entstand; sie geht ausvon Alexander Hamiltons Usxorr 011 Nanuk-returss 1791 und von Friedrich LiftsSchriften 18271848, hauptsächlich von dessen nationalem System der politischenÖkonomie 1841.

Alexander Hamilton , der Gehülfe Washingtons, der Mitbegründer der Verfassungder Vereinigten Staaten , der größte Finanzminister der Union, der die Bundesfinanzenin Ordnung brachte, einer der größten Staatsmänner, den die Vereinigten Staaten gehabt, wollte die fast auseinanderfallenden Einzelstaaten durch Centralisierung desSchuldenwesens, durch eine Zentralbank und ein Schutzsystem zusammenhalten. Seinpraktischer Blick sagte ihm, daß die bloß agrarische Entwickelung für eine große Nationnicht genüge; er wünschte raschere Jndustricförderung als sie der bloße Freihandelgestatte; die Gewerbe, sagt er, steigern die Arbeitsteilung, die Maschinenanwendung,die Beschäftigung der Selbstthätigen, die Hebung aller Kräfte, die Ausbildung der Unter-nehmungsformen ; nur das einheimische Gewerbe schafft eine gleichmäßige, sichere Nach-frage nach landwirtschaftlichen Produkten. Ohne besondere Hülfe sind die Schwierig-keiten des Anfanges nicht zu überwinden; die Abhaltung der fremden Konkurrenz, dieVerteuerung schade nicht so viel; die innere Konkurrenz werde bald die kleinen Nachteilegut machen. Das Wichtigste seien in bezug auf den Verkehr die Belebung, die innerenVerbindungen, das innere Zusammenwachsen von Nord und Süd, Osten und Centrum.Aber ein System von fördernden Prämien sei den Schutzzöllen, deren Nachteile undschwierige Festsetzung er nicht verkennt, vorzuziehen. Zwischen England und denVereinigten Staaten sei keine solche Verschiedenheit, daß ein starker Austausch derWaren jetzt vorteilhast sei. Ein Handel der letzteren mit den alten Kulturländern Europas könne ohne Schutz nicht billig oir e^u»! tsrins sich vollziehen. Die VereinigtenStaaten würden als zu unentwickelt bei sreiem Handel verarmen.

Friedrich List ist in seinen Gedanken von Hamilton beeinflußt, aber er hatdie Theorie des Schutzsystems auf breitere Grundlagen gestellt (vergl. I S. 116117).Er setzt dem Individualismus und den weltwirtschaftlichen Harmonieerwartungen die Be-dürfnisse und Zwecke der nationalen Volkswirtschaft entgegen. Er geht aus von einerTheorie des Stufenganges der Volkswirtschaft. Es folgen sich nach ihm 1. die Periodedes Hirtenlebens, 2. die Ackerbaupcriode, 3. die Agrikultur-, Manufakturperiode, endlich4. die Agrikultur-, Manufaktur-, Handelsperiode, Stufen, die er mit der Dichtigkeit derBevölkerung in Verbindung bringt. Er folgert, daß die Handelspolitik auf diesen ver-schiedenen Stufen der Entwickelung verschieden sein müsse. Er verteidigt das Schutz-system als Mittel der Erziehung einer Industrie in den Ackerbaustaatcn, während erfür die Zeit vorher und nachher die Vorteile des freien Handels einsieht. Daher dieBezeichnung seiner Theorie als einer solchen der Erziehungszölle. Der Erziehuugszollist ihm aber nur ein Teil der für die entsprechende Periode nötigen sonstigen großenvolkswirtschaftlichen Reformen, wie er z. B. die Durchführung eines nationalen Ver-kehrs- und Eisenbahnsystems, eine nationale Marine, ein nationales Banksystem alsergänzende Glieder fordert. Kommt so List zu einer historischen Volkswirtschaftslehre,so hat er nicht minder die psychologischen und sittlichen Ursachen der wirtschaftlichenEntwickelung ins Auge gefaßt und in ihr Recht neben Preiserscheinuugen und demKapitalvorrat wieder eingesetzt. Er sieht ein, daß nicht die Kapitalmenge über dieProduktionsentwickelung so entscheide, wie Smith glaubte. Und er betont, daß zeit-weilige Wertvcrluste durch Schutzzollverteuerung zurücktreten können, wenn dafür dieproduktive» Kräfte der Nation, die Intelligenz und Moralität der Menschen, die Ge-schicklichkeiten und technisch-wirtschaftlichen Kenntnisse, die ökonomisch-gesellschaftlichenEinrichtungen an Kraft, Vollkommenheit und Wirksamkeit wachsen. Mit dieser Theorie