Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
Seite
609
Einzelbild herunterladen
 

1067)

Die Schutzzolltheorie von Hainilton und Fr. List.

009

der produktiven Kräfte, die er in Gegensatz stellt zur Smithschen Theorie der Tausch-werte, hat List in der That den springenden Punkt für die Erkenntnis des Wirtschafts-und Handelskampfes der Völker gesunden. Der größere Teil aller Schutzzollpolitik des19. Jahrhunderts hat aus den Listschen Gedanken seine geistige Fundamentierungerhalten.

Es wird zum Abschluß dieser Betrachtung über die handelspolitische Gedankenweltder Zeit von 17761870 nicht ohne Interesse sein, anzumerken, wie der größte Socialistder Zeit, Karl Marx , sich zu der Handelspolitik seiner Zeit in seiner Rede über denFreihandel (1849) stellt.

Er sieht in der damaligen englischen Freihandelsagitation gegen die Kornzöllenur eine Agitation sür billige Löhne und Gewinnerhöhung. Der Freihandel werdedas Elend der beschästigungslos werdenden Arbeiter vermehren, die Härte der ökonomischenGesetze steigern. Der Freihandel sei heute nur die Freiheit des Kapitals, der inter-nationale Freihandel sei die internationale Ausbeutung. Die Freihändler begriffenfreilich nicht, daß ein Land sich auf Kosten des anderen bereichern könne; aber das seinicht wunderbar; dieselben Herren begriffen ja auch nicht, daß innerhalb des Landesdie wirtschaftliche Freiheit und freie Konkurrenz die eine Klasse auf Kosten der anderenbereichere.

Man könnte darnach erwarten, daß Marx den Schutzzoll gut heiße. Davon istaber nicht die Rede: der Freihandel ist ihm die Waffe der Bourgeoisie gegen Feudalismus und Staatsgewalt ; das Schutzzollsystem ist konservativ, der Freihandel wirkt zerstörend,zersetzt die Nationalität, treibt den Gegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie aufdie Spitze, er beschleunigt die sociale Revolution.Nur in diesem revolutionären Sinne",rust Marx ,stimme ich sür den Freihandel."

In diesen pathetischen Worten stecken starke Übertreibungen und zu sehr gene-ralisierende Phrasen. Aber einen Kern von Wahrheit enthalten sie doch.

Wir versolgen die theoretische Bewegung der Handelspolitik zunächst hier nichtweiter. Neue Gedanken traten kaum bis 1880 hervor. Freihandel und Schutzzollwaren im ganzen 19. Jahrhundert die Fahne, um welche die Interessen und Parteiensich sammelten. Die theoretischen Gedanken und Schriften spielten nun eine wesentlichgrößere Rolle, als im 17. und 18. Jahrhundert die merkantilistische Litteratur. Diesewar mehr im Gesolgc der Staatspraxis entstanden; jetzt übernahmen die Theorien ge-wissermaßen die Führung. Zuerst bis gegen 1875 die sreihändlerischen, dann die schutz-zöllnerischen.

Der Freihandel stützte sich hauptsächlich auf das Konsumenten-, der Schutzzollaus das Produzenteninteresse; jenem hängen die exportierenden, diesem die den inländischenMarkt noch nicht ausfüllenden Industrien an. Die exportierende Landwirtschaft ist frei-händlerisch, die vom Ausland bedrängte schutzzöllnerisch. Alle Händlerkreise sind über-wiegend sreihändlerisch, kosmopolitisch; das Handwerk ist mehr schutzzöllnerisch. AbstrakteVcrstandesrichtung neigt zum Freihandel, historisch-nationale Gesinnung zum Schutz-zoll. Der Freihändler ist optimistisch, der Schutzzöllner eher pessimistisch. FreihändlerischeStimmungen sind stets in den Aufschwuugsperioden, schutzzöllnerische in den Periodender Stockung und des wirtschaftlichen Niederganges vorgedrungen. Der Freihandelrechnet auf den Segen der internationalen Arbeitsteilung, der Schutzzoll auf die Ent-wickelung der nationalen Kräfte; der Freihandel will die schwächeren Produktionszweigepreisgeben, hofft sicher auf Ersatz durch Entwickelung der national begünstigten Pro-duktionszweige in der Zukunft, der Schutzzoll traut dieser Verweisung aus künftigeEntwickelung nicht, er will direkt, sofort wirken, das Bestehende verteidigen. Freihandelund Schutzzoll sind natürliche Antithesen in jeder modernen sich entwickelnden Volks-wirtschaft. Sehen wir uns zunächst die praktische Durchsetzung der freihändlerischenGedanken von 17831875 an.

264. Die praktische Durchführung der sreihändlerischen Handels-politik von 17831875. In dem Jahrhundert, das sich an A. Smiths National-reichtum anschließt, drangen die Freihandelsidccn in den meisten Kulturstaaten siegreich

Schmoller, Grundriß der Vottswirtschintslehre, II. I,S, Aufl. 39