Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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Die allgemeinen Freihandelssiege von 18601875.

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1. Im deutschen Zollverein war Preußen seit 1851 sür Zollermäßigungeneingetreten; die großen Industrien und die Mittelstaatcn waren eher für Zollerhöhungen.Seit 1848 hatten sich in den Seestädten Vereine für Handelsfreiheit gebildet; der volks-wirtschaftliche Kongreß war seit 1858 in gleichem Sinne thätig, sorderte Beseitigungder Durchfuhrzölle, der Zölle auf Lebensmittel, auf Roh- und Hülssstoffe der Industrieund Herabsetzung der Jndustriezölle. Die Landwirtschaft, hauptsächlich der östlicheGroßgrundbesitz, war infolge seines Exportes nach England auch ganz sreihändlerisch,meinte sich durch die Eisenzölle benachteiligt. Der englisch -französische Vertrag botPreußen einen Anlaß, mit Frankreich zu unterhandeln (1861). Der 1862 (11. März)zu stände gekommene Handelsvertrag mit Frankreich war Preußen (so wenig es vonseinem Partner ausreichende Konzessionen erhalten hatte) willkommen, weil damit dieliberale Handelspolitik im Zollverein festgelegt war. Preußen erklärte den schutz-zöllnerischen Mittelstaaten, es erneuere den Zollvereinsvertrag nur mit den zustimmenden ;der bisherigen differentiellen Begünstigung Österreichs , seinen etwaigen Wünschen, inden Zollverein einzutreten, war damit die Spitze abgebrochen. Der preußische Landtagstimmte sast einstimmig dem französischen Vertrage zu; die Mittelstaaten gaben nachlangem Kampfe 1865 nach; mit dem von Bismarck durch politische Mittel gewonnenenÖsterreich gelang am 11. April 1865 ein srcihändlerischer Meistbegünstigungsvertrag,der die Sonderstellung dieses Reiches aufhob. Tarif- und Meistbegünstigungsverträgedes Zollvereins mit Belgien, England, Italien folgten noch 1865, weitere mit anderenStaaten 18681870. Zwei autonome frcihändlerische Tarisreformen 1870 und 1873schloffen die Bewegung in Deutschland ab; ein neues Zollgesetz von 1869 hatte dieZollverwaltung dem Geiste des Freihandels und der neuen Verkehrstechnik angepaßt.So berechtigt die Wendung der deutschen Zollpolitik 18601873 im ganzen war, sowird man doch sagen müssen, daß sie fast mehr aus Gründen der inneren parlamen-tarischen und Parteipolitik, aus Motiven der auswärtigen Politik, aus etwas über-spanntem Doktrinarismus, als aus sachlicher Prüfung der Lage unserer Industrie ent-sprang; es kommt hinzu, daß man nicht verstanden hatte, das Finanzintcresse desZollvereins richtig zu wahren und für die Herabsetzungen entsprechende Zollkonzessionenanderer Staaten einzutauschen. Und die letzte große Eisenzollreduktion sür die Jahre18731877 beschloß man in dem Moment, als der Ausbruch der größten Wirt-schaftskrisis des Jahrhunderts Vorsicht geboten hätte. Man hatte so 18691877 denFreihandel in Deutschland etwas übertrieben.

Zunächst aber waren Regierungen und öffentliche Meinung zufrieden mit derschärfen Wendung nach dieser Seite. Hatten doch auch die Vereinigten Staaten unter der Leitung der demokratischen südstaatlichen Pflanzeraristokraten, welche Baum-wolle und andere Rohprodukte gut exportieren, Fabrikwaren billig in Europa kaufenwollten, 18321860 sich mehr und mehr dem Freihandel genähert; und wenn mandann zu Schutzzöllen zurückkehrte, so waren die Zölle doch zunächst nicht allzu hochund wurden 1872 um 10°/o reduziert. Auch Rußland hatte von 1844 an, haupt-sächlich 1850 und 1857, seine Schutzzölle ermäßigt; die Binncnzollgrenze zwischenRußland und Polen war 1851 gesallen. Schweden, Belgien, die Nieder-lande, Dänemark hatten an der sreihändlerischen Bewegung teilgenommen. Inder Schweiz hatte bis 1849 jeder Kanton seine besonderen Zölle; die Zolleinigungvon 1349 begann mit geringen Durchfuhrzöllen, wenigen Ausfuhrzöllen, sehr mäßigenEinfuhrzöllen; liberale Verträge mit Frankreich, Italien, Deutschland, Österreich be-festigten und erhielten das freihändlerische System der Schweiz bis in die 80er Jahre.Piemont war durch Cavour 18551861 ganz dem Freihandel zugeführt worden,und Italien schloß sich dann 13601875 dem westeuropäischen Konzert der Handels-verträge an.

Die Doktrinäre und Heißsporne des Freihandels wurden 18601870 nicht müde,der Welt zu verkünden, in wenigen Jahren werde die ganze Erde und zwar auf immerfür die neue liberale Handelspolitik gewonnen sein. Es kam anders. Zuerst aberhaben wir das Facit der Epoche zu ziehen.