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Viertes Buch. Di?"Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. s1074
265. Würdigung der Freihandelsära. Handels statistisches Bilddes 19. Jahrhunderts. Haben, wie wir oben sahen, die meisten Kulturstaatenund im Zusammenhang damit fast die sämtlichen Staaten der Erde an den frei-händlerischen Verträgen und der Herabsetzung der Zölle sowie an der Beseitigung derandern Hemmnisse des internationalen Verkehrs teilgenommen, so thaten die Kultur-staaten es doch aus verschiedenen Motiven und Ursachen. Hochentwickelte, alte undreiche Industriestaaten wie England, aber auch Belgien und Frankreich , verließen sichauf ihre Überlegenheit und sahen in der Aufschwungsperiode 1850—1873 ein, daß siedes Schutzes gegen Konkurrenz nicht mehr so wie früher bedürften, daß die alten Ver-bote, Zölle und Schiffahrtsgcsetze dem Fortschritt ihres Wohlstandes mehr schadetenals nützten. Überwiegende Agrarstaaten, wie Rußland , die Vereinigten Staaten,Österreich, Italien, Dänemark , wollten ihren Urproduktenexport fördern, hielten damalseine stärkere Jndustriekonkurrenz für ungefährlich, ja vorteilhast. Staaten, die in ihrerEntwickelung in der Mitte standen, wie Deutschland , glaubten ihre Industrie undihren Jndustrieexport wie ihre Landwirtschaft so am besten zu fördern. Bei vielenwirkten die verschiedensten politischen Motive mit. Napoleon HI. wollte sich populärmachen und England gefällig zeigen. Preußen hatte 1818 keine Retorsionszölle ein-geführt, um nicht mit seinen Alliierten zu brechen, es wollte 1851—1865 durch frei-händlerische Politik Österreich vom Eintritt in den Zollverein abhalten. Cavour wolltedurch seinen Freihandel Napoleon III. gewinnen. Die halb civilisierten und ärmerenStaaten mußten teilweise dem politischen Drucke weichen, der im Interesse der mächtigenStaaten auf sie geübt wurde, teilweise sahen sie selbst ein, daß ihre alte Absperrungjetzt nicht mehr möglich sei, daß sie Staatsanleihen und sonstigen Kapitalzufluß, Eisen-bahnen und überhaupt die Einrichtungen der Civilisation nur erhalten konnten, wennsie sich etwas mehr als bisher nach außen öffneten.
Bei allen Staaten ist aber daneben doch eine gemeinsame Grundstimmung. Dergroße Zug der freihändlerifchen Theorie hatte alle mehr oder weniger angesteckt: dieEinsicht, daß Barbarei, Brutalität, Unverstand, thörichter Handelsneid einen erheblichenTeil des alten Merkantilsystems gezimmert hatten, war endlich von 1840—1870 in diekonservativsten Köpfe, in die starrsten Verteidiger des Alten eingedrungen. Etwas vomSegen internationaler Arbeitsteilung verspürte man in der langen europäischen Friedens-zeit und in der Ära des Eisenbahnbaues, der vorwärtsdringenden Groß- und Massen-industrie überall. Die glänzende Aufschwungsperiode hatte überall den Druck fremderKonkurrenz stark vermindert. Die klügsten Staatsmänner, Hardenberg, Huskisson, Peel,Gladstone, Napoleon III., Cavour, der jüngere Bismarck (bis 1877) und Andrassystanden nicht umsonst auf feiten des Freihandels. Fast die ganze europäische Wissenschaftebenso. Völkerrechtlich, verwaltungsrechtlich und volkswirtschaftlich waren die günstigenFolgen des siegenden Freihandels schon früher, aber jedenfalls in der Zeit von 1850bis 1870 mit Händen zu greifen. Suchen wir nach diefen drei Seiten hin die Folgennoch etwas näher darzulegen.
1. a,. Die Beziehungen der Staaten untereinander und das Völkerrecht, das sieordnete, waren im 19. Jahrhundert andere geworden als im 17. und 18. Die Ideedes Kampfes der Staaten untereinander trat nach und nach zurück, ebenso die Tendenzder führenden Staaten auf eine gewaltsam zu erringende Welthandelsherrschaft. Frank-reich mußte Derartiges 1814—1815 ohnedies aufgeben. Großbritannien hatte in denKriegen von 1793—1815 seinen Kolonialbesitz sehr vermehrt, sein handelspolitischesÜbergewicht sehr gesteigert. Aber es war nun 1815—1870 mit seinen inneren Fragenbeschäftigt, trat nach außen friedlich, kosmopolitisch aus; es schien der kühnen aus-wärtigen Politik zu entsagen. Die srei gewordenen nordamerikanischcn Kolonien unddie von Spanien und Portugal losgelöste mittel- und südamerikanische neue Staaten-gesellschaft boten England in sreiem Verkehr ein genügendes Feld des Absatzes. Ja, eskamen bald die Tage der vom Freihandel beeinflußten politischen Lehre, daß die Kolonienund die große Flotte überwiegend eine Last seien; man machte die vorangeschrittenenKolonien von 1840 an fast selbständig und rechnete auf die Tage, da England seiner