Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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^9 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. ^1118

d. Die großen Historiker und Philosophen von 17S01800 haben dann die Vor-stellung der Erziehung, den Sieg des Geistes oder eines göttlichen Planes, die Herr-schaft der Ideen auf ihre Fahnen geschrieben. Kant läßt aus dem Wechselspiel derSelbstsucht und des Gefelligkeitstriebes den Staat, aus der Reibung der Staaten unddem Völkerrecht den ewigen Frieden hervorgehen. Hegel sieht in der Geschichte derorientalischen und europäischen Völker den Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit, dieVerwirklichung des Weltgeistes. Der Weltgeist manifestiert sich nach ihm in einemStufengang von Volksgeistern und deren Thaten, den welthistorischen Reichen, die alsRepräsentanten großer Ideen erscheinen, in ihrer Folge, durch den dialektischen Prozeßbestimmt, von der Thesis zu ihrer Negation, von dieser zu einer höheren Positionvoranschrciten. Die Idee kehrt durch die Natur und die Geschichte zu sich selbst zurück.Die Idee ist der Seelenführer der Geschichte." Die geistige Freiheit ist ihr letztesZiel.Von der Unfreiheit der Asiaten geht die Entwickelung durch die halbe Freiheitder Griechen und Römer zur vollen Freiheit der modernen Welt." Hegel giebt nebenseinen allgemeinen Formeln massenpsychologische Schilderungen von den großen Kultur-völkern, aus denen er alle einzelnen Seiten ihrer Kultur abzuleiten sucht. Er unter-scheidet objektive und subjektive Epochen, d. h. solche der Neubildung und der Aus-lösung. Er giebt uns eine konstruktive Klassifikation der aufeinander folgenden Zeitalterim Sinne ihres geistigen Charakters, ihrer Idee, aber er erklärt nirgends kausal dasEntstehen der Ideen und der Volksgeister.

Barth sagt mit Recht, der Glaube an die Ideen war Gemeingut der Zeit.Schiller, W. v. Humboldt , Ranke sind vom Glauben an sie erfüllt. Und dieIdeen treten in jener Zeit bald als mystische, überirdische, göttliche Wesen, als GedankenGottes, die von außen her die Geschichte beherrschen, bald als bloße Synthese undGesamtausdrücke für die geistig-sittlichen Kräfte und die großen Ziele einer Zeit auf.Man hat bis heute gestritten, ob sie bei Ranke mehr das erstere oder mehr das letztereseien. Seine Gegner behaupten jenes, seine Anhänger dieses. Er selbst sagt,es sindimmer Kräfte des lebendigen Geistes, welche die Welt von Grund aus bewegen; vor-bereitet durch die vergangenen Jahrhunderte, erheben sie sich zu ihrer Zeit, hervor-gerufen durch starke und innerlich mächtige Naturen, aus den unerforschten Tiefen desmenschlischen Geistes; es ist ihr Wesen, daß sie die Welt an sich zu reißen suchen; essind moralische Energien, die wir in der Entwickelung erblicken". Das klingt realistischerals bei Plato , Humboldt und Hegel. Und doch ist Rankes Verwandtschaft mit Hegel oft undmit Recht bemerkt worden. Beide sind die Hauptrepräsentanten einer idealistischenJdecnlehre, als Grundlage der Geschichtserklärung: bei Hegel folgt die Jdeenentwickelungeinem logisch-dialektischen Gesetz; bei Ranke fehlt jede nähere Ausführung über diehistorische Abfolge der Jdeenentwickelung. Beide haben das Verdienst, die Geschichteauf den Weg der Untersuchung der großen geistigen Zusammenhänge verwiesen zu haben.In ihrer Wirkung auf die folgende Generation waren sie sehr verschieden. Hegel sandwohl in Rechtsphilofophen und Socialpolitikern direkte Schüler; die Grundideen Gneists,L. von Steins, Rodbertus', Lassalles und Marx ' sind halb oder ganz hegelianisch; imübrigen forderte die dialektische Methode Hegels rasch ziemlich allgemeinen Widerspruchheraus. Die historischen Schüler Rankes hielten sich mehr an seine kritisch-empirischeMethode, an feine künstlerische Stoffgestaltung, als daß sie seine Jdecnlehre ausgebildethätten. Immer wird man die Völkerpsychologcn, wie Steinthal und Lazarus, obwohlsie direkt an Herbart anknüpsen, und einzelne historische Philosophen wie Dilthey dochauch als Fortsetzer der Rankeschen Jdecnlehre bezeichnen können.

Wenn man Ranke neuerdings oft Mystik, einseitigen Idealismus, einseitige Ab-leitung aller Geschichte aus dem Leben und den Ideen der leitenden Staatsmänner undder großen Persönlichkeiten überhaupt vorwirft, fo ist das gewiß nicht ganz falsch; einerealistische Umkehr mußte kommen. Aber jede Zeit hat ihre speciellen Aufgaben, undweder bei Ranke, noch bei manchen feiner direktesten Anhänger sehlt die realistischeErfassung, die Erklärung aus wirtschaftlichen, militärischen, kirchlichen, pädagogischenUrsachen, neben den allgemeinen geisteswissenschaftlichen ganz. Aber allerdings die durch-