Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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«^72 Viertes Buch, Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. s1139

mehrhundertjähriger Handels- und Kolonialkriege. Nach innen bildet sich die königlicheGewalt in centralistischer Weise unter Zurückdrängen der ständischen Verfassung, unterEinschränkung der lokalen Gewalten, der Städte, der Grund- und Gutsherrschaften, derKirche, der Korporationen aus. Große centrale staatliche Haushalte, Geldsteuern, Staats-schulden, Heer, Flotte, Beamtentum, große staatliche Domänen-, Forst-,Bergwerks-, Salinen-betriebe bilden die Signatur der mcrkantilistischen Zeit. Die Klassenkämpfe, die Händelzwischen Stadt und Land, zwischen einzelnen Städten und einzelnen Provinzen treten zurückoder ruhen, weil die starke Staatsgewalt schiedsrichterlich Frieden stiftet. Es ist zugleichdie Zeit, in welcher die geistige und die wirtschaftliche Einheit ganzer Nationen sich voll-endet. Der Buchdruck, die Presse, die Schule, die religiös-kirchliche, wie die weltlicheBildungspropaganda schaffen geistig-nationale Einheiten und eine öffentliche Meinung,wie sie früher nicht bestanden. Die Verkehrsmittel, die Gewerbe-- und Niederlassungsfreiheit,die freie Konkurrenz fördern dann im 19. Jahrhundert auf dem freien inneren Markteine Arbeitsteilung, eine Marktproduktion, wie nie früher; die alte Haus- und Eigen-wirtschast tritt zurück, die Familienwirtschast giebt mehr und mehr die eigentliche Güter-produktion auf, beschränkt sich auf die Konsumtion; die altvaterischen, an die Familieangelehnten Kleinbetriebe mit lokalem Absatz werden in steigendem Maße durch kaufmännischgeleitete, auf moderne Technik gestützte größere moderne Unternehmungen verdrängt.Der neue private Großbetrieb drückt der modernen Volkswirtschaft zunächst seinen Stempelaus: die Gesichtspunkte technisch vollendeter billiger Produktion und gewinnbringendenAbsatzes gelangen zum erstenmal voll zur Herrschaft, aber die neue Betriebsform treibtauch den wirtschaftlichen Egoismus der Unternehmer, die Ausbeutung der Arbeiter, dieKlassenherrschaft der Bourgeoisie da auf die Spitze, wo die Gegengewichte schien. Unterdem Mantel der wirtschaftlichen Freiheit will eine kleine Geschäftsaristokratie Staat undVolkswirtschaft von sich abhängig machen.

Solche Ziele hatte der Merkantilismus noch durch seine bevormundende Staats-gewalt gehemmt. In der zweiten Phase der modernen Volkswirtschaft (17891860),deren Ideal der schwache Staat und die starke Gesellschaft, der manchesterliche Liberalismusist, vollendet sich dieser Sieg der freien privaten Unternehmung; aber das nun von18601900 zunehmende Gesellschafts-, Aktien-, Trustwesen zeigt schon durch seine korpora-tiven Formen eine Umbildung und entgegengesetzte Richtung. Außerdem erzeugen dieArbeiterorganisationen, das Genossenschaftswesen, die socialen Kämpse, der Arbeiterschutzeine Gegcnbewegung gegen die Allgewalt der Unternehmer, ihre Härte, ihren Gewinn. Hierwalten die Ideen brüderlicher Solidarität, gerechter Güterverteilung, socialer Hülfe undEmporhebung der Schwachen vor. Die seit 1370 wieder zunehmende wirtschaftlicheTätigkeit von Staat und Gemeinde, die Eisenbahnverstaatlichung, die staatliche Leitungder Centralnotenbanken, die staatliche Ordnung des Arbeiterversicherungswesens, dieganzen socialen Reformbestrebungen sind gewissermaßen der andere Flügel der Gegen-bewegung gegen die Schattenseiten der rein großindustriellen Entwickelung. Wir habenim letzten Paragraphen des ersten Bandes (§ 147) gesehen, wie diese Strömungen miteinander ringen, der modernsten Volkswirtschaft einen neuen veränderten Charakter geben.Wir haben im Kapitel über die Handelspolitik nachgewiesen, wie der die Weltwirtschaftbegünstigende Freihandel einer neuen Ära der Schutzpolitik Platz macht, die auch wiederden staatlichen Einfluß aus das Wirtschaftsleben stärkt.

Wir dürfen weder die heutigen socialen Fragen, noch die weltwirtschaftlichen Tendenzen,noch diese neuesten Betriebsorganisationsfragen hier nochmals erörtern. Wir haben hiernur zum Schluß zu konstatieren, daß der geschilderte Stusengang der volkswirtschaftlichenOrganisationssormen eine immer größere und intensivere Vergesellschaftung der wirth-schaftenden Personen und Organe bedeutet, und daß diese Vergesellschaftung das großeInstrument der Produktionssteigerung, der wachsenden Produktivität der Arbeit, derbesseren Sicherung der wirtschaftlichen Existenz der gesamten Menschheit ist.

Freilich wird dadurch auch der Organismus jeder einzelnen Volkswirtschaft wieder der ganzen Weltwirtschaft immer komplizierter, die Gefahr von Stockung undKämpfen, von Stillstand und Niedergang wächst, wenn nicht die Menschen immer besser,