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stellen, reicht der gesunde Menschenverstand nicht ans; dazu mufsmau sicli schon zu der Logik bequemen, dafs Deutschland für dieFolgen einer französischen Feindseligkeit verantwortlich ist, weilsich diese Feindseligkeit gegen Deutschland richtete.
Aber davon abgesehen ist diese zweite Lesart völlig aus derLuft gegriffen. Gewifs mag es in Frankreich Leute gegebenhaben, welche mit einer „Invasion der preul'sischen Thaler" Stim-mung zu machen versuchten, und welche uns gerne unsere Münz-reform verpfuscht hätten; aber diese Leute waren es nicht, welchedie Preisgabe der Doppelwährung veranlassten. Die ganze Legendewird am schlagendsten durch die Thatsache widerlegt, dafs dieInitiative zur Beschränkung der freien Silberpräguug überhauptnicht von Frankreich ausgegangen ist. Belgien war derStaat, welcher zuerst die freie Silberprägung beschränkte. ImDezember 1873 erliefs es ein Gesetz, welches die Regierung er-mächtigte, die freie Silberpräguug zu limitiren oder gänzlich ein-zustellen. Frankreich seiuerseits folgte erst diesem Beispiel. DieSchweiz hatte es nicht nöthig, da sie niemals freie Prägung fürPrivatrechnuug zugestanden hatte. Italien litt damals an Zwaugs-kurs, kam also nicht in Betracht. Auf einer Konferenz der Münz-bundstaaten wurde die Beschränkung der Silberpräguug für dieganze lateinische Münzunion uormirt, wieder uicht auf AntragFrankreichs sondern auf Verlangen der Schweiz .
Die Initiative zur Preisgabe der Doppelwährung ist also vouStaaten ausgegangen, w r elche nicht im Mindesten daran dachten,einen Akt der Feindseligkeit gegen Deutschland zu verüben. DieSchweiz und Belgien waren, wie bereits erwähnt, im Jahre1865 für die Annahme der Goldwährung eingetreten, hatten sichalter damals, wo für ihren thatsächlich vorhandenen Goldumlaufkeine Gefahr im Verzuge war, dem Widerspruch Frankreichs ge-fügt. Nachdem aber der Silberpreis seit Mitte der sechziger Jahrelangsam zu sinken begann, und nachdem diese sinkende Tendenz
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durch die deutsche Müuzreform eine erhebliche Verschärfung er-fahren hatte, so dafs nun von Neuem das Silber den lateinischenMünzstätten zuströmte, da hielten es diese Staaten für geboten,Mal'sregeln zum Schutze ihres Goldumlaufes zu ergreifen. Diezwei Jahrzehnte, welche die Länder der lateinischen Doppel-währung sich im Besitz eines weit überwiegenden Goldumlaufesbefanden, waren genügend, um diesen Staaten die Vortheile und