Zeitschrift 
Zur Geschichte und Litteratur : aus den Schäzen der Herzoglichen Bibliothek zu Wolfenbüttel / von Gotthold Ephraim Lessing
Seite
266
Einzelbild herunterladen
 

( 266 )

ren Religion über die Menschen sind. Diese Leute wis-,.ftn ja wohl mehr, was zur Beurtheilung der wahrenOffenbarung gehört, als der gemeine Mann davonweiß. Es fehlt ihnen zum Theile an keinen Hülfsmit-teln der Einsicht. Sie wollen es auch mit allem Fleißeuntersuchen; und man müßte lieblos handeln, wennman glaubte, daß sie wider besser Wissen und Gewissenredeten, wenn sie nach solcher Untersuchung bekennen,von der Wahrheit ihrer Religion völlig überzeugt zu»seyn. Nein, sie mögen größtenhcils ehrliche Leute seyn,und von Grunde ihres Herzens glanben. Aber ein je-,,der sindct denn doch, beym Beschlusse seiner Prüfung,die Religion und Secte, worinn er erzogen worden, diebeste und einzig wahre zu seyn. Wie geht das zn, daßein Mufti, ein Ober-Rabbiner, ein Bellanninns, einGrotius , ein Gerhard, ein Vitringa, mit so vielerWissenschaft, und aufrichtiger Bestrebung, von so n tge-gen stehenden Systemen alle gleich überführt seyn kön-nen? Es hat allcrwarts einerley Grund. Einem j.denist seine Religion und Seete, in der Kindheit, bloß alsein Vorurtheil, durch unverstandene Gedächtniß-For->meln und eingejagte Furcht für Verdaminniß, eingeprägtworden : und man hat ihn glauben gemacht, er fcy dnrcheine besondere göttliche Gnade von solchen Eltern in ei-ner seligmachendcn wahren Religion geboren und erzo-,'gen. Das macht einen jeden geneigt zu seiner Seete;und wenn es denn bey reiferen Jahren zur Unterfnchungder Wahrheit kommt, so wird die Gelehrsamkeit nndVernunft selbst zu Werkzeugen gebraucht, dasjenige zu»»erweisen und zu rechtfertigen, was sie schon zum voraus

wünschten