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sich selbst aufzugeben, den oft wunderlichen Zumuthungen einer sich breit machendenStaatSweiShcit niemals zum Opfer bringen darf; so mußte eS im Laufe der Weltgeschichtewohl wieder zu den traurigsten Konflikten zwischen der geistlichen und weltlichen Regierungkommen, sobald die christlichen Grundsätze in einer Staatsverwaltung widerchrit-lichenpolitischen Maaßregeln gewichen waren, — Je nach der Verschiedenheit der Zcitverhältnisseund der Eigenihümlichkeit der geschichtlichen Beziehungen eines Volkes hat auch dasStreben, die Kirche in das Joch deS StaatswagenS zu zwängen, eine verschiedeneFärbung angenommen. In dem einstigen griechisch-morgenländischen Kaiserreiche richtetendie gekrönten Erben der heidnischen Cäsaropapie bei ihren niederholten Angriffen aufdie Selbstständigkeit der Kirche ihr Augenmerk vorzugsweise auf die UnterjochungdeS römischen Stuhles,*) weil sie wohl erkannten, daß sich mich die Gliedernicht naturgemäß bewegen können, sobald daS Haupt in ftiner eigenthümlichenWirksamkeit gehemmt ist. Und als dieß despotische Unternehmen nicht gelingen wollte,schritt man zur Schöpfung eines neuen Primates zu Konstantinopel, nachdemman sich zuvor von der Gemeinschaft mit Rom losgetrennt hatte; welcher Primat alspolitische Schöpfung sich dann auch seinem Urheber durch kirchliche Fügsamkeitdankbar bewies. Und weil diese kirchlichen Fesseln, in welche der DrSpotiSmns dergriechischen Kaiser die mrrgenländische Kirche schlug, so Volks thu ml ich werdenkonnten, daß der Versuch zur Wiedervereinigung der morgenländischen Christenheit mitder abendländischen an der sittlichen Veri'unkenheit der ersteren scheiterte, so verfieldieser abtrünnige Theil der Christenheit einem Gottesgerichte, welches die wildenSöhne MohamedS an demselben vollzogen. — Eine ähnliche Obmacht über die Kirchestrebten auch einige deutsche Kaiser an, welche durch kirchliche Vermittlung die preis-gegebene abendländische Kaiserwüide geerbt hatten, und nun zum Danke dafür dieKirche anfeindeten, als sie ernste Miene machte, sich in ihrer Selbstständigkeit undWürde als moralische Richtcrin der Nationen zn behaupte«. Doch war der Kampfder sränkisch-salischen und hohenstaufi cken Kaiser nicht so sehr gegen das Papstthumals solches, als vielmehr gegen einzelne hervorragende Persönlichkeiten, die dazumalden römischen Stuhl einnahmen, nnd deren Energie bei Wahrung wohlerworbenerkirchlicher Rechte und bei der Durchführung kirchlicher Maaßregeln ihnen lästig war,gerichtet. Die Negation der göttlichen Einsetzung deS PapsttbumS blieb demstürmischen ReformationSzeitalter vorbehalten. Der auf dasselbe folg.nde Kampf fürund gegen die katholische Kirche spaltete anck Deutschland in zwei feindliche Parteien,deren offene und geheime Befchdung die Zerstörung der deutschen NeickScinheit vorbereitete.Doch erst dann wurde der organische ReichSverband vollständig gelöst, als ein gebornerSchutzhe.r der Kirche, ein dcuischcr Kaiser, vom Jrrlichte der rationalistischen AufklärungdeS philosophischen Jahrhunderts geblendet, durch seine kirchenfcindlichen Verordnungenund Maaßregeln auch die noch treu gebliebenen Theile der kaihol. Kirche Deutschlands in moralische Fesseln schlug. Der Klageruf der leidenden Kirche war zugleichder Grabgesang der d utschen NeichSciuheit und Freiheit! Und obwohl man diebittere Erfahrung gemacht hatte, daß dem kirchlich-revolutionären Zeitalter derReformationsepoche nnd AufklärungSpcriode die politisch-revolutionären Stürme derNeuzeit auf dem Fuße gefolgt waren, so dachte man doch in der politischenRcst.uirati'onsepoche am Schlüsse der europäischen Freiheitskriege nicht daran, derschwergekränk-en Kirche Deutschlands Genugthuung zu leiste», und ihren wohli'egründetenForderungen gerecht zu werde». Der in den achtziger Jahren deS verflossenen Jahr-hunderts in Deutschland gegen die katholische Kirche begonnene, durch die Krieg?jahreunterbrochene, und vom französischen Usurpator fortgesetzte Kampf, wurde vielmehrnach wiederhergestelltem Frieden von den Regierungen der deutschen Groß- und Klein«staaten, welche die Erbschaft deö deutschen Reiches angetreten hatten, wiederum auf«
Man denke z. B. nur an die barbarische Behandlung, welche Martin I. von Kaiser Con-sianz ll. erdulden mußte, weil er sich bei den inonothclctischcn Streitigkeiten nicht den launenhaftenEinfällen dieses leidenschaftlichen Kaisers fügen wollte. A. d E,