Ausgabe 
14 (19.2.1854) 8
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Vorrecht, hier mit Brüdern bekannt zu seyn, die Liebe verdieneil, und mit denen ichallmälig vertrauter zu werden hoffe. Allein ich bedanre, daß ich bei ihnen Allen aufein Hinderniß stoße, daß sie nämlich in ihren Ansichten von der Kirche verschiedenerMeinung mit mir sind/'

Schon früher durch den amerikanischen Missionär Abeel aufgefordert, entschloßsich Rodt auf das erneute Andringen des Missionärs GrorcS, der auS Bengalen nachGenf gekommen war, um Missionäre zn suchen, dem MisstonSwerke sich zu widmen,und, unter dem 23. Juli 1835 von demComite der zur Evangelisation verbundenenGemeinen in Genf, im Waadtlande, Neufchatel, Bern und Basel , als Prediger desEvangeliums, nach Indien ausgesendet", ging er nach London, schiffte sich zu Liver-pool ein, und betrat den 11. April 1836 den indischen Boden. Er war zu London vorher in die Missivnödicnste der etablirtm Episkopalkirche Englands aufgenommenworden.

Von der in Indien herrschenden religiösen Begriffsverwirrung, von der uner-schüttcrten Gewalt des krassen HeiventhumeS oder gottlosesten Materialismus, und dernoch krassern Cyristenmacherei, ja, von dem gerade entgegengesetzten Erfolg der mis-sionarischm Thätigkeit, sollte Rodt schon bald nach seiner Ankunft die abschreckendstenBeweise erhalten! vie Eingeborenen waren offenbar durch ihr Psendochristenthum nurnoch ausgearteter und sittenloser geworden. Schon gleich bei seinen ersten Besuchenvon Hindu-Schulen machte er die traurigsten Erfahrungen. Einmal fragte er einenetwa zehnjährigen Knaben, der schon seit einiger Zeit Unterricht in der christlichenReligion empfangen hatte, was er von den Götzen halte, und der Kleine antwortetemit ernster, allkluger Miene und funkelnden Augen:Es gibt nur einen Gott, daSist ein allgemein verbreiteter Glaube (sie!); allein eS gibt viele Unlergottheitcn;" ernannte darauf mehrere. Solche und noch entmuthigcndere Borfälle mochten oft schwerernoch, als dietiefe Einsamkeit", den jungen Missionär drücken.

Und daß er überall dieselben Mißerfolge sah, bekennt er selbst in einem Briefeaus Calcutta, wohin er im Juni 1837 gereist war.Für daS Evangelium", schreibter,geschieht hier viel, aber lange noch nicht genug. Die Arbeiten der Missionäresind hier nicht sehr gesegnet, dein Anscheine nach, und das Feld, das sie bearbeiten,ist sehr harr. Jedoch findet sich hie und da ein junger Hindu, der Muth genughat, seiner Kaste zu entsagen, d. i. von Vater, Mutler, Weib, Geschwistern nndAllem, was ihm lieb ist, sich zu trennen, Verfolguugen und grausamer Behandlungsich auszusetzen und ans den Namen Christi sich raufen zn lassen. Doch bleiben nichtÄlle ihrem Vekemituisse bis ans Ende treu. Die heidnischen Vvrurtheile nehmen aberin dieser Stadt von Jahr zu Jahr immer mehr ab. Viele Hindns haben ihre Religionganz verlängnet, sind dadurch aber nicht besser geworden, da sie nun bloßDeisten oder Atheisten sind, und daher, weil sie Jesum nicht bekennen, haben sieauch weder Schmach noch Versolgnng zu leideu. Kenntnisse und europäische Bildungnehmen sehr über Hand, (sie!) Viele Hindus reden sehr geläufig englisch ."

Daß eS aber nicht bloß in der großen Weltstadt Calcutta was man dochnoch durch die gewöhnliche Korruption großer Städte im Nothfalle erklären und ent-schuldigen könnte so schlecht stand, sagt uns ein weiterer Brief RvdtS von Suna-muky, wohin er zurückgekehrt war, uutcr dem 26. Nov. 1837 geschrieben:

Es ist nun schon mehr als ein Jahr, daß ich unter den Heiden das Evan-gelium predige, habe aber bis auf diese Stunde nicht die geringste Frncht meinerArbeit gesehen. Ich wundere mich nicht darüber: denn ohne die besondere Gnade undEinwirkung Gottes" (M. die eben in der Erfolglosigkeit der Arbeit auch negativ sichauszusprechen Macht hat!)kann auch nicht Eine Seele gerührt und zum Glaubenan EhristnS gebracht werden. Jedesmal, wenn ich den armen Heiden von unsermHeilande rede, fühle ich tief die Schwachheit meiner Predigt und die Unzulänglichkeitmeiner Beweise. Meine Person, als Europäer und als mit den Herrschern des Lan-des eng verbunden" (8ie!)zwingt freilich die Eingebornen, mir mit Ehrerbietung zubegegnen: allein nach ihren Religionsbegriffen bin ich doch ein verächtlicher Mann,