Ausgabe 
14 (19.2.1854) 8
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Zündstoffe gleich, der alle gährendcn Elemente an sich zieht und zum lichten Brandeführt. Die Zahl der erschienenen Gegenmittel und Verordnungen ist Legion, und dieArmuth wächst mit jedem Tage, jenem biblischen Traume gleich, der die siebenmageren Kühe die fetten auffressen sah, ohne daß jene fetter wurden.

Lüften wir den Schleier dieserGeheimnisse des Volks"; wir stehen mitunserer Ansicht über die Grundursache des Uebels so wie über das Alles beherrschendeGegengift ziemlich allein. Eine gewisse Scheu hält ab, dem die Palme zuzuerkennen,dem man gewisser Ursachen halber nicht hold werden will. Wenn je die Arzneiwegen des Arztes verworfen wurde, so fand dieses nur zu sehr beiunserem Gegenstande statt.

Wenn auch unser Vorschlag wie die Stimme einer Cassandra verhallt, eS liegtzu sehr in unserm Interesse, unbeachtet des Jetzt, an einer neuen Zukunft zu arbeiten,als daß wir verkennen sollten, daß die Rolle der ausgetauchten Reformvorschläge inBälde ausgespielt seyn werde.

Der Standpunct, von dem aus allein die schwierige Ausgabe methodisch zuverfolgen und glücklich zu lösen, kann nicht der national-ökonomische seyn, da dasBedingte nie zum Princip erhoben werven darf; nicht der industrielle, wenn mannicht den Bau von Oben beginnen will; nicht der modern-philanthropische, der mitdem Urheber steht und fällt: es gilt hier nur der positive Standpunct des Glau-bens. Hiernach erläutern sich erst die obschwebendcn Begriffe; Methode und Mittelsind nur Consequenzen, und dann erst haltbar. . .

Von diesem unserm Standpuncte aus, wir möchten sagen, dem untrüglichen,Handell es sich nicht darum, der Armen sich zu entledigen; dieses wäre eitler Wahn(pguperes somper ücchetis vobiseum. ^lo-mn. 12, 3); auch nicht darum, eine schein-bare Zufriedenheit zu schaffen, wenn einmal durch Beschaffung neuer Erwerbsquellenein gewisser Mechanismus zu Stande gebracht wäre; das wäre eben nur Schein:sondern durch Aufstellung einer Gegenkraft einen Zustand herbeizuführen, der eben soweit entfernt von schielender Lüsternheit nach oben, wie von einem kläglichen Verfallnach unten; einen Zustand, der nach Abgang deS materiellen ein geistiges Capitalvcr.eiht, daS aus sich selbst eine glückliche diesseitige Existenz generirtund befähigt, auch das Höchste zu erreichen. Verklärend wirkt dann dieser Grundsatzauf verschicvene Abstufungen unv Mittel ein, wie diese theils die individuelle undlocale Eigenthümlichkeit, theils die Anforderung der Zeit und der Umstände erheischenund vorhanden seyn müssen, um durch ein harmonisches Jneinanderwirken demUebelstande zu steuern.

Dieß ist die allgemeine Lösung des räthselhaften Problems der Noth, wozudie nähere Entwicklung gegeben wird.

Der Mohr und der Jude.

In Shakcöpeare's zwei venetianischen Schauspielen:Othello " undder Kauf-mann von Venedig" kommen zwei Charaktere vor, die beide Abkömmlinge eines Volks-stammes sind, auf dem seit uralten Zeiten ein heiliger Fluch lastet. Bedeutsam wardVenedig als die Welt-Handelstadt, in welcher alle Gegensätze in Berührung kommen,zum Schauplatz gewählt. Mit Meisterzügen ist das Eigenthümliche einer jeden dieserNationalitäten hervorgehoben, so wie das Eigenthümliche des Fluches, der sie traf.Beim Juden ist dieser Fluch unzertrennlich von der Religion desselben; so wie derJude Christ wird, ist er, so fern eS auS Ueberzeugung geschah, von demselben befreit;denn das persönliche Bekenntniß sühnt vollständig, waS die Verläugnung, der Verrathund die Kreuzigung der Voräliern verbrach. Wird aber der Christushaß in demEnkel fortgesetzt, dann ruht auch auf ihm die Schwere der Strafe. Darum mußteder Repräsentant des jüdischen Charakters bei Shakespeare ein erbitterter Christen-feind seyn. Moderne Kritiker haben Shakespeare einen unmenschlichen Judenhaß vor-