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Ein gleiches LooS hat das viel gehöhnte und verfolgte Wallfahrten. Ohnehier in die Sache näher einzugchen, bemerken wir, daß diese christliche, im religiösenLeben tief wurzelnde Uebung keine Armuth erzeugen kann, da eS keine Züge vonWollüstigen zu Bädern oder VergniigungSorlen sind, sondern Bußgänge im Geisteder Abtödtung und unter der beständigen Cvntrole der Kirche, noch daß sie Armuthhervorgerufen haben, da die Geschichte ein Anderes lehrt. Wenn übrigens einmalder Stein gehoben gegen Das, waS hehr und heilig, so wird er geworfen, auch ohnezu wissen warum. Und eö ist das Merkwürdige, daß bei Ällem, was drückt, immerdasselbe als Grund angegeben wird, was mau haßt, die Religion; ist sie ja daSCentrum, um welches sich die Geschichte aller wesentlichen Fragen dreht; alles Uebrigesteht in der Peripherie.
Einige andere aufgeworfene Ursachen der Armuth übergehen wir als zu weitführend, und bemerken über den wahren Stand der Dinge Folgendes.
Der alleinige und innerste Grund unserer allgemeiner werdenden Verarmung istdie Vernachläßigung der Religion, die Glaubenslosigkeil unsererZeit. Wir müssen unsere Gegner bitten, nicht vor diesem Phantome zurückzuweichen,sonder» sich näher in den Streit einzulassen.
DaS Gesetz, welches sowohl Antrieb zum Guten als Urtheil über Vernach-läßigung desselben gewährt, kann kein wandelbares, zufälliges, menschliches, sondernmuß von Gott selbst, der gut allein, seyn, also die von Ihm gegebene Offen-barung, der Glaube. Eben so muß eS ein oberstes Gesetz geben, das bei Befolgungdesselben untrüglich lohnt und bei Vernachläßigung untrüglich straft, uud auch dieseskann nur das absolute seyn und, wie eö sich in Gott offenbarte, der Glaube.Dasjenige serner, was in Sache deS gemeinsamen Interesse für alle Zeiten, Umstände,Zustände und Personen den richtigen AuSschlag gewährt, muß der Menschlichkeitentrückt seyn, von höhern Regionen kommen, und auch daö ist der Glaube. Wennendlich Principien-Fragen aufraucben, bei denn, der menschliche, endliche Geist sicherschöpft, so muß der absolute Geist sich maniscftiren nnd zu einem höchsten PrincipedaS Wandelbare, der zeitlichen Aenderung Unierworsene zurückführen, und das stelltsich dar im Glauben. Vor diesem göttlichen Forum kann kein Streit unerledigtbleiben, wie umgekehrt Nichts die wichtigen Fragen deö Geistes irrilirt, ohne auchdieses Gesetz, und zwar dieses zuerst, überschritten zu haben.
Wir bitten nun, diese Principien auf die vorwürsige Frage anzuwenden. Armuthist ein relativer Begriff; ihn kann also nur der Glaube aufhellen. Arm seyn ist imAllgemeinen Folge eines vorausgegangenen Fehlers; darüber spricht nur der Glaubedas richtige Urtheil. Die Armuth setzt auch gerade in ihrer Verschuldung die Satzun-gen des für Alle richtenden, auch die dunkelsten Fragen entscheidenden Richters vor-aus; das ist kein anderer, als der Glaube. Während jede andere Ausfassung, alsdie angegebene, die Sache auf ein blcßcS Scheingefecht, weil der Basis entbehrend,hintreibt, greift die gläubige Behandlung derselben daS Uebel bei seinem eigentlichenSitze, bei der Wurzel an, legt die Ursachen mit der einzig möglichen Klarheit aus-einander, unv ist dann, im Besitze derselben, im Staude, Abhilfe zu gewähren.
Durchschreiten wir nun im Lichte des Glaubens das Lager der Armuth; wiesteht eS da um die wahre Conduite derselben? Wir sehen jene,Gotr abgestorbenenHerzen, wie ihr wüsteS Auge, bloß dem Genuß zugewendet, endlich wild fortbrület,wenn alle Quellen dazu versiegt sind; wir sehen jenen gemeinen Troß, die deutschenSansculotten mit Freiheitshut und Heckerbart, die Alles, was hehr und heilig,mit Hohngelächter begleiten und keine andere Beschäftigung kennen, als jenevon der Schrift bezeichnete (Erod. 32, 6): „das Volk saß, um zu essen und zu trinken,und stand auf, um zu spielen"; wir sehen jene traurigen Gestalten, die herumlungernohne Tendenz und, wenn ihre Lebensweise .,von der Hand znm Mund" stockt,der Schrecken und die Last ihrer Nachbarn werden; wir sehen jene Halbgebildeten,denen der Glaube nur eitle Form, wie sie unbegreiflich trotz aller sogenanntenMühe zurückgehen und dann, verkommen an Leib und Seele, der Anstoß ihrer Ge-