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meinden werden; wir gewahren endlich jene alten Sünder, die dem Rufe deS gutenHirten nicht gefolgt, nach den schauderhaftesten Katastrophe» an den Bettelstab gekom-men sind und nnn in ihren grauen Tagen Noth leiden. Bankerott an Seele und Leibgehen Hand in Hand. Die Fälle, wo „eine Tücke des Schicksals arg mitgespielt",find nichts als moderner Aufputz einer und derselben Sache. Wie dem Glauben daskonservative Element inhärirt, so drückt der Gegensatz desselben seinen Vertretern dasSiegel der Nichtigkeit aus. — Wir würden eS nicht wagen, ein so allgemeines undhartes Urtheil auszusprechen, allein neben der Thesis ist auch die Erfahrung für uns.
Mag der AuSgang deS Uebels noch so verborgen, die Haltung seiner Trägernoch so täuschend seyn, eS alterirt die Sache nicht. Wie vermöchten wir auch ausden verschiedenen Coustellationen dafür einen bestimmten Namen zu nennen, da wirhier auf das der Welt am meisten entzogene Gebiet angewiesen sind?
Dann wohnt im Glauben ein anderes Element, welches der Noth den Keimbenimmt oder dieselbe in ihrem Auftreten abwendet, die mittheilende Liebe.Sie ist die Erfüllung deS alten Gesetzes, gleichsam der Engel mit dem flammendenSchwerte zur Abwehr des Uebels. Der Glaube sieht in ihr seine schönste Frucht inBeziehung auf Gott und die Milbrüder. Da diese Liebe gütig (1. Cor. 13, 4. 5) istund nicht das Ihre sucht, strebt sie dahin, jene Uebelstände auszugleichen, welche selbstauch die Schuld frevelhaft beigeführt. Wenn aber dieses Leben der Liebe erkaltet undzum Egoismus herabsinkt, dann ist eine besondere Quelle versiegt, die Gott der Nothzur Ausgleichung der Verschiedenheiten annäherungsweise, aber doch befrie-digend angewiesen. Nun dürfen wir es uns aber nicht verhehlen, daß wir darüberschreienden Beweis haben. Nicht nur, daß unsere Zeit keine großen Anstalten treffenkann, welche der leidenden Menschheit zu Hilfe kommen, es ist auch vielseitig über dieprivate Herzlosigkeit für Noth und Elend gerecht zu klagen. Jene weichen Herzen, dieein zartes Tonstück zu großen Zähren rühren könn, stoßen die Hand Dessen hart zurück,der um Bewahrung vor offener Schande fleht, und überlassen ihn seinem gänzlichenVerfalle; „es ist ja unschön für einen Gebildeten, weich zu seyn." Negativknüpft sich daran daS verheerende Element in Sitten und Gebräuchen; denn entwederwird Golt oder Belial (2. Cor. 6, 15) gedient. Daher konnte ein tiefer Denker derneuesten Zeit zu dem Ausspruche kommen (Hift.-pol. BI. 1848 S. 691): „Unsere mo-dernen Städte dürfen, in mancher Beziehung, namentlich hinsichtlich deS Lurus und derSittenlosigkeit, mit den Städten der Römerwelt zur Zeit ihrer Entnervung und ihresAbsterbens verglichen werden." „Die Städte unserer Zeit sind die Erzeugerinnen desProletariats und eine beständig offene Freistätte des CommuniSmus."
AuS dem Vorstehenden ziehen wir den Schluß, daß aus der GlaubenSlosigkeildas Uebel der Armuth entsprungen.
Wir sagen: das Uebel der Armuth; denn dem in der christlichen Ascese erstarktenHerzen wird das Joch Jesu nicht bitter und seine Bürde nicht schwer, und bei allemDrucke der Entbehrungen findet sich in ihm ein Friede, den die Welt — und diesergöttliche Ausspruch steht hier in hervorragender Größe — den die Welt nicht gebenkann. Statt der Schlaffheit deS Proletariers tritt da eine heilige Resignation ein, dieim kärglichen Brode die Güte Gottes wieder erblickt und Labuug und Stärkung findet;dann aber mit dem unholden Geschicke ringt und es nicht selten in kurzer Zeit besiegt.Oft möchte daö Herz brechen, wenn man noch diese Reste des christlichen Heroismuswahrnimmt. *) Noch nie ist ein solcher Armer eise Last geworden.
(Fortsetzung folgt.)
*j „Irland .... hat niemals seinen Glauben vergessen. . . . Drei Jahrhunderte von Con-fiscationen, von Verfolgungen, von Hunger, von Entwürdigung sind über sein Haupt hingegangen,ohne es einzuschüchtern und zu beugen." Montalembert , die kath. Interessen im XIX. Jahrhundert.
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