Ausgabe 
14 (12.3.1854) 11
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im Himmel bestätigt wurde? So bist du also gewiß, daß du gesündigt hast; bist duaber auch gleich gewiß, daß dir wieder vergeben worden? Du bist gewiß, daß du dieLiebe Gottes verloren, dem Tode und dem Gerichte anheim gefallen; bist du aberauch gleich gewiß, daß die Ketten deS TodeS dir abgenommen und du die Gnade desHerrn wieder gefunden hast? Und wenn dir hier ein gegriindetcr Zweifel bliebe,in dieser Ungewißheit über den Zustand deiner Seele gleichsam zwischen Himmelund Hölle schwebend solltest du deiner Sünden vergessen? Aufhören, Buße zuthun? Sorglos in die Ewigkeit gehen, wie Kinderseclen hinüberschlummern, welchedie Taufunschuld umfangen hält? Nein, geliebteste Diöcesanen! Wachet und betet,spricht der Herr; und wer auch nur eine Todsünde in seinem Leben begangen hätte,dem gilt auf Lebensdauer der ernste Zuruf, den das Evangelium an alle Sünderrichtet: Thut Buße und bekehret euch.

Wenn also die Vergangenheit uns Alle zur Buße mahnet, so wird die Mah-nung ernster und dringender, wenn wir den Blick in die Gegenwart richten. KeinMensch weiß nämlich mir untrüglicher Gewißheit, es sey denn, er habe von Gott eine besondere Offenbarung hierüber erhalten, ob er in Gottes Gnade ist oder nicht.Ausreichende Gründe zu vernünftiger Beruhigung können wir haben, und diese Be-ruhigung und dieser Seelenfriede wird in dein Maaße sich steigern, in dem wir unsbemühen, dem Herrn zu dienen; aber eine über allen Zweifel erhabene, untrüglicheGewißheit, jene Gewißheit, welche die Lehren deS Glaubens uns geben, werden wirhierin nicht erringen. ,,Niemand weiß," sagt die Schrift,ob er der Liebe oder desHasses würdig ist." Gott hat den Schleier deS Geheimnisses darüber gezogen, nmuns beständig in jener Demuth und Zerknirschung und in jener heilsamen Furcht zuerhalten, in der wir nach des Apostels Lehre unser Heil wirken sollen.

Zudem ist daS Herz des Menschen durch AdamS Fall ein Abgrund von Vcr-derbniß geworden; wir sollen streben, immer tiefer in denselben einzublicken, aber niewerden wir ihn ganz ergründen. Tausend böse Regungen erheben sich in uns, ohnedaß wir auch nur die Spur bemerken; oft wähnen wir, das Gute zu wollen, unduns treibt Selbstsucht und Eigenwille; wir vermeinen, für Gottes Ehre zu eifern,und es ist nur Hochmuth und Stolz, der in der Gestalt des heiligen Eiferö erschein! der Engel der Finsterniß in Licht gekleidet. Dabei trägt jeder Mensch irgend einenbesondern Hang zu dieser oder jener Sünde in, sich, irgend eine böse Neigung dieHauptquelle seiner Vergehungen, sey es, daß vorzugsweise Stolz oder Habsuchtoder Sinnengelüste sich des Menschen bemcistert haben. Diesen Hang und diese Nei-gung nach ihrer Tiefe zu ergründen, ist nur jenen beschieden, denen vom Herrn dererleuchtete Blick gegeben ist; ein großer Theil der Menschen aber lebt so zerstreut dahinund in die Welt so verloren, daß er nie zur Kenntniß seiner selbst, nie znr Klarheitüber sein Inneres gelangt, das Unkraut verkehrter Neigungen darf in ihm ungestörtwuchern, er nährt und pflegt als Freund und Liebling im Herzen einen Hang, derzuletzt der Feind seines Heiles ist.

Dazu kommen die trüben Zustände der Gegenwart außer uns, der Stolz undHochmuth, welcher die Herzen beherrscht, die Ueppigkeit und Genußsucht neben stei-gender Verarmung, die Unzahl der Fleischessünden, die Menge der schauerlichstenVerbrechen, die der Gesellschaft zur Geißel werden,'der offene Unglaube und die lauteGotteslästerung zur Verspottung und Verhöhnung alles Heiligen, die Fluth verderb-licher Schriften, die mit ihrem Gifthauche die Herzen verpesten, die Mißachluug derheiligen Gewalten, die Gott gesetzt hat, seine Stelle zu vertreten, die schwer gedrückteLage der Kirche an so vielen Orten und die grausame Verfolgung ihrer treuen Diener,die Unzufriedenheit in allen Klassen der menschlichen Gesellschaft, die unheimlicheGährung in allen Theilen der Welt, Zustände, die gewiß geeignet sind, mitbanger Sorge zu erfüllen, nnd in denen jeder, der da hören will, den Wiederhallder Klage des Herrn vernimmt:Viele sind berufen, aber Wenige sind auserwählt."

Wenn aber ein so trauriges Bild der Gegenwart von außen uns entgegen tritt,und da, wo die Einen fallen, die Andern um so mehr beten und Buße üben müssen;