Ausgabe 
14 (19.3.1854) 12
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betraute, in welcher Eigenschaft er bis zum Ende des alten Constanzer BiSthumS imJahre 1827 thätig war. Bei der Stiftung deö Erzbisthums Freiburg wurde er alsGeneralvicar zum Domcapitel nach Freiburg berufen. Er führte die OrdinariatS-Direclion, wurde im Jahre 1830 jum Domdecan ernannt, den 8, April 1832 alöBischof von Macra (in partibus) zum Weihbischose geweiht und als Vioarius in pon-tikealinus et svirituglivus xenerslis deö Erzbischofs von Freiburg aufgestellt. Er warBiSthumSvenveser nach dem Tode deS Erzbischofs Bernhard , so wie nach dem Ablebendes Erzbischofs Jgnaz. Wie oben bemerkt, wurde er am 15. Juni 1842 als dessenNachfolger gewählt, am 30. Januar 1843 präconisirt und am 26, März desselbenJahreS mit dem Pallium bekleidet.

Wer immer die Geschichte des Tages verfolgt, wer die Bedentung deS Kampfesder Kirche gegen die Staatsgewalt auffaßt und mit Interesse den Gang desselbenbeobachtet, der möchte wohl ein wahres Bild von der Persönlichkeit haben, aufweichejetzt so viele Blicke gerichtet sind. Wir wollen eS versuchen,, eine Skizze zu solchemBilde zu entwerfen.

Denkt man sich den kühnen Metropolitan der oberrheinischen Kirchenprvvinz alseine jener imposanten kirchlichen Heldenfiguren, mit welchen die Kunst den heiligenBonifaciuS, die Heiligen Athanasius, AmbrosiuS oder Thomas Becket darstellt, so istdir Vorstellung irrig. Der Erzbischof Hermann v. Vicari ist ein kleiner schmächtigerMann, im hohen Alter noch lebhaft, beweglich, und körperlich so rüstig, daß er nochvor einigen Monaten, nur von seinem Leibdiener begleitet, eine Fußreise von mehrerenTagen ausgeführt hat, um einem ihm verwandten Knaben eine Freude zu machen.Er ist immer freundlich, heiter nnd liebt einen gutmüthigen Scherz. Er kommt jedemMenschen mit ungesnchter Freundlichkeit entgegen und seine übergroße Höflichkeit ent-springt aus einem natürlichen Wohlwollen. Er ist an Verstand und Wissen garvielen tüchtigen Männern überlegen, aber er weiß nicht, und seine innere Beschei-denheit erscheint als eine Demuth, welche mit seiner hohen Stellung in eigenthümlichemGegensatz steht, und jeden sogenannten Wellmann in Verlegenheit bringt. Die Ach-tung, mit welcher er die Meinung Anderer anhört, und die Bescheidenheit, mit wel-cher er seine eigene ausspricht, hat schon Manchen getäuscht, der den starken CharakterdeS Greisen nicht kannte.

Der Erzbischof Hermann ist mit reinem Herzen geboren, und die Erfahrungenvon achtzig Jahren haben diese Unschuld nicht zerstört. Er glaubt an die Menschen,liebt ohne Haß und mißtraut Niemanden, faßt die Verhältnisse des Lebens, die Ver-wickelungen deS menschlichen Verkehrs fast kindlich auf und beurtheilt das weltlicheStreben nnd Verlangen mit naiver Einfachheit des unverdorbenen KindeS. Deßhalbist auch sein Urlheil so unbefangen nnd so gesund. Er weiß von keiner Unduldsamktii,ihm ist der Gedanke unmöglich; und wenn er glaubt, daß nur in der katholischenKirche das Heil der Seele zu finden sey, so kann er nur beten, daß die Gnade Gottesdie Irrenden erleuchte, und inbrünstig danken, wenn eine Seele zu seiner Muiterkirchezurückkehrt. Von den vielen Protestanten, die mit ihm verkehrten, hat gewiß keinerden geringsten Unterschied der Behandlung erfahren; keinem aber konnte die Zartheileingehen, welche ohne allen Schein jene Kleinigkeit vermied, die ihn unangenehmhätte berühren können; und diese Zartheit ist kein Ergebniß der Klugheit oder derLebenSgewandlheit, denn er ist sich ihrer gar nicht bewußt: sie entspringt seinem unend.liehen Wohlwollen. Daß es Menschen geben könne, die gar keinen Glauben haben,das wird der alte Mann nimmer begreifen.

Mäßig, fast ohne Bedürfnisse, macht der Erzbischos keinen Aufwand; eineKleinigkeit macht ihm Freuce! Er hat keine eigentliche Liebhaberei, wenn nicht fürseinen Garten und sür seine Blumen, die ihm gar wenig kosten. Der größte Theilseines Einkommens gehört den Armen; er hat ihnen schon Stücke seines Silberzeugesgegeben, als er selbst kein Geld mehr hatte. Seine Wohlthätigkeit hat manche Familiedem stillen verborgenen Elende entrissen und manchem jungen Menschen eine ehrenhafteExistenz begründet. Das HauS des Erzbischofeö ist eine Zuflucht der Bedürftigen;