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er selbst spendet dem Armen, ohne zu fragen, wer er sey und woher er komme;und naht sich ihm ein Kind, das keines Almosens bedarf, so gibt er ihm doch einBildchen.
Der Erzbischof Hermann v. Vicari ist ein frommer Mann, seine Frömmigkeitist ein tief inneres Bedürfniß seiner Seele, sein Glauben an die Offenbarung ist solebendig als er unerschütterlich ist; in christlicher Demuth klagt er sich als einen sün-digen Menschen an, und der einfache Pfarrer eines benachbarten Dorfes ist seinBeichtvater. Was über ihn kommt, er nimmt es als eine höhere Fügung und darumstört eS ihn nicht. Als er glaubte verhaftet zu werden, da hat er in heiterer Ruheseine kleinen Bedürfnisse selbst zurecht gelegt, um sogleich bereit zu seyn, wenn manihn rufe. Trifft ihn etwas recht Schmerzliches, so flüchtet er sich in seine HauS -capelle und bald kehrt er heiter und freundlich zurück; so that er, als er die Erlassevom 7. November erhielt und darüber vielleicht den herbsten Schmerz seines ganzenLebens empfand.
Ganz anders erscheint dieser Greis, wenn er sich als Kirchenfürst zeigt. Knieter in einfacher Chorkleidung betend an dem Altar, oder zieht er, angethan mit derDalmatika, feierlich in seine Metropolitankirche ein, oder verwaltet erden Gottesdienstin der Pracht des erzbischöflichen Ornates, so ist- eine unglaubliche Würde in seinemWesen, man erkennt den kleinen demüthigen Greisen nicht mehr, und wenn er feier-lich den, Segen über seine Gemeinde spricht, so hört man keinen Athemzug, und wernicht auf die Kniee fallen will, der muß es sich fest vornehmen
Das hohe Kirchenamt ist ihm von Gott übertragen; bald wird er vor demewigen Richter stehen, um Rechenschaft abzulegen, wie er es verwaltet; dieserGedanke verließ ihn niemals, er ist ihm gegenwärtig bei der kleinsten wie bei dergrößten seiner Handlungen. Der Erzbischof von Frciburg ist kein Mann des raschenEntschlusses, er überlebt lange, und niemals hat er eine bedeutende Handlung beschlos-sen, ohne daß dem Beschluß ein inbrünstiges Gebet voranging; hat er aber einmalin sich selber entschieden, so kann keine weltliche Rücksicht ihn anders bestimmen. Erwar dem Großherzog Leopold mir inniger Liebe zugethan, aber er versagte das Trauer-amt, weil eS die Gesetze der Kirche verbieten.
Er kennt die Verfassung der katholischen Kirche nach ihrer ganzen Entwickelungund in all ihren Einzelheiten. Er ist kein glänzender Geist, wie z. B. der gegenwär,tige Bischof von Mainz , aber er ist der beste Kanonist nnd der gewandteste Geschäfts-mann in seinem Capitel, und selbst ein Talent wie Hirscher beugt sich vor ihm.Alles, was Manche von fremden Einwirkungen reden, ist grundfalsch; wo die Rechteder Kirche in Frage stehen, wo es die Verwaltung seines Amtes betrifft, da ist derachtzigjährige Greis so selbstständig, als irgend ein Mann; denn nach seinem Glau-ben ist er und er allein für das Heil der anvertrauten Seelen verantwortlich, dieGottes erbarmuugsvolle Fügung ihm anvertraut hat.
Die Bischöfe seine' Provinz verehren ihn wie einen Heiligen, und er liebt siewie seine Brüder; aber ihre Verehrung und seine Liebe würden ihn nicht abhalten,einen Fehler zu rügen, wenn je sein Amt es verlangte. Die Geistlichen seiner Diöcesebehandelt er wie seine Söhne, er fordert keine äußere Unterwürfigkeit, keine demü«thigenve Formen, sie würden ihm unbehaglich seyn; sie verkehren frei und ungezwungenmit ihm, und er beurtheilt mild ihre meuschlichcn Schwächen. Wo aber ihr Berufund ihre Stellung als Priester berührt wird, da begegnen sie dem Ernste des Bischofs;beides ist aber im Einklage, denn das Eine entspricht seiner christlichen Demuth undseinem natürlichen Wohlwollen, daS Andere dem festen Glauben an seine apostolischeSendung. Der Erzbischof straft ohne Rücksicht die Geistlichen, die ihm den Gehorsamverweigern, aber die in Freiburg verhafteten Priester hat er im Gefängniß besucht.Er wußte wohl, daß er abgewiesen werde, aber den gehorsamen Söhnen glaubte erdieses Zeichen der Liebe schuldig zu seyn.
Die Welthändel versteht der Erzbischof von Vicari nicht; sie liegen ihm fern.Daß die Kirche die Menschen zu Gott zurückführen müsse, um die Schäden der Gesell-