Ausgabe 
12 (27.6.1852) 26
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Neapel .

Neapel , 23, April 18S2.Wenn es überhaupt sehr wohlthuend ist, in Städten, die man auf einige Zeitbesucht, die Anzeichen eines frischen katholischen Glaubens zu finden und so im kirch.lichcn Leben sich gleich in ihnen heimisch zu fühlen, so ist das in unserer, von Jn-differentismus und GlaubenSIosigkeit so sehr angegriffenen Zeit um so wohlthuenderin den Städten, welche man als die größten der Welt bezeichnen muß und in denenman sonst keineSwegeS so erfreuliche Erfahrungen macht. Nach London und Paris ist nun aber Neapel bekanntlich die größte unter den Städten Europas , und so weitdie wenigen Tage, die wir darin zubringen, ein Urtheil zulassen, können wir IhremBlatte daher nur erfreuliche Mittheilungen machen. Zwar glauben wir keineswegs,daß in Neapel alles Gold ist, waS glänzt, und daß ihm das Glück beschicken seynsollte, jene Classe von Menschen, die auf religiösem Gebiete der sogenannten Aufklä-rung huldigen, nicht zu besitzen, schon die ungeheure Masse von Fremden, dieauS aUen Weltgegenden alljährlich des lieblichen Klimas und der herrlichen Lagewegen hinströmt, läßt daS nicht annehmen; aber man findet in Neapel Glaubenund ächte Religiösilät wenigstens da, wo sie seyn muß, wenn cS um daS Lanv gutstehen soll, im Herzen deS eigentlichen Volkes und ans dem Throne. Wie lebendigder Glaube im Volke lebt, davon waren unS die Kirchen, die wir zu jeoer Tages-zeit besucht und oft übervoll trafen, wie auch die Beichtstühle, die täglich von denGeistlichen stark frcauentirt werden mußten, redende Zeugen, und auf den Straßen,auf den öffentlichen Plätzen, überall verräth sich der Katholicismus der Bewohner inden reichgeschmiicklen religiösen Bildern, die man findet, und in keinem Laden, demgroßartigsten wie dem niedrigsten Kramladen, in keiner Werkstatt, in keiner WirlhS-stube, selbst in keiner Rasirbude fehlt boch an der Wand, die dem Eingange gegen-über liegt, das Bild der allerseligsten Jungfrau, und nie geht dem Neapolitaner fürdie Lämpchen vor demselben daS Oel auS. ES ist auch bekannt, welch' immenseBegeisterung sich der Einwohner Neapels bemächtigte, als PiuS lX., auö der Haupt-stadt der Christenheit flüchtig, nach Neapel kam, und eS wird noch immer von den-jenigen, welche den Papst damals umgaben, mit vieler Rührung erzählt, in welchenMassen daS Volk heranzog, um den heiligen Vater zu sehen und seinen Segen zuerbitten, und wie insbesondere, wenn Seine Heiligkeit am Strande des MeereS einenSpaziergang machten, die Schiffer, Fischer, Matrosen und all das Volk, daS sicham MeereSufer beschäftigt, weither in ganzen Zügen herbeieilte und unter dem Rufe:8anew ?aclre Is böneciirionö! sich auf dem Wege nicht in die Kniee, sondern ganzauf den Boden warf und die Fußstapfen deS Stellvertreters Christi küßte. ES liegtüberhaupt in dem Wesen deö Neapolitaners Manches, waS dem Bewohner deS Nor-dens zuerst auffällt, ein gewisser Charakterzug deS Ungestümen tritt auch in seinemreligiösen Leben, in seinem Gebete zu Tage, und wir waren selbst zugegen, wie ineiner sehr großen und ganz angefüllten Kirche während der sakramentalen Benediction,die im Süden viel seltener und mit größerer Feierlichkeit und Langsamkeit gegebenwird, daS Volk immer eifriger und lauter in seinen Gebeten wurde und sich daSleise Beten allmälig fast zu einem lauten Rusen steigerte, und während deS ActeSder Benediction sich Alle fast ganz zu Boden beugten. Ueberhaupt hörten wir auchmanche Züge auS dem neapolitanischen Volksleben erzählen, die allerdings die eigen-thümliche DenkungSart des Volkes und daS Ungestüme seines Eifers, aber auch einenbewundernSwerthen, festen Glauben und die tiefste Durchdringung von dessen Wahr-heit offenbaren. Zn vorzüglichem Maaße wird dieser feste Glaube wohl ohne ZweifeldUich die außerordentliche Devotion so lebendig erhalten, welche daS Volk für denPatron der Stadt, den heiligen Märtyrer und Bischof JanuariuS hat, und durchdie wunderbare Erscheinung, welche sich alljährlich bei dessen heiligen Reliquien wie-derholt. Man kann den Neapolitaner von seiner Stadt nicht reden hören, ohne daßer dabei deS heiligen JanuariuS gedächte, und was jene Erscheinung betrifft, so ist